Von Stalin bis Freud: Philosophie-Popstar Slavoj Zizek in Wien

Wien (APA) - Die vom jungen Publikum im voll besetzten Burgtheater am meisten akklamierte Botschaft kam am Mittwoch nach offiziellem Ende de...

Wien (APA) - Die vom jungen Publikum im voll besetzten Burgtheater am meisten akklamierte Botschaft kam am Mittwoch nach offiziellem Ende der 42. Sigmund Freud Vorlesung. Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek hatte seine Ausführungen abgeschlossen und machte das, was er am besten kann: Er sprach einfach weiter und improvisierte drauflos. Seine Schlussbotschaft war eine Abrechnung mit dem Bologna-Prozess.

Die standardisierten neuen Uni-Ordnungen zielten darauf ab, Fachleute zu produzieren, die dann Probleme lösen sollten, so Zizek. „Das ist aber das Ende des intellektuellen Lebens“, dekretierte er. „Wir brauchen nämlich genau das: unnützes Wissen!“ Ein Beispiel dafür, wie sich Denken mit den Erscheinungen des täglichen Lebens verbinden lässt, wie man von großen philosophischen Vorbildern zu schlechten Filmen springen kann und wieder retour, lieferte der Philosophie-Popstar zuvor auf Einladung der Sigmund Freud Privatstiftung in eineinhalbstündigen Ausführungen zu dem Thema „Theology, Negativity, and the Death-Drive“. Es war, was Burg-Dramaturgin Amely Joana Haag zuvor versprochen hatte: „Denktheater auf großer Bühne“.

Der 66-jährige Zizek, der stets im T-Shirt auftritt und lispelnd, fahrig und doch faszinierend ein Showman erster Güte ist, hat zuletzt über Hegel publiziert („Hegel und der Schatten des dialektischen Materialismus“). Doch er kann über alles sprechen. Und macht das auch. In maschinengewehrfeuerartiger Geschwindigkeit. Das Burgtheater hat er am Nachmittag als Denker und Alleinunterhalter spielend gefüllt.

Er hatte sich gut vorbereitet, nahm tatsächlich von Freuds Thesen seinen Ausgangspunkt, befasste sich viel mit Religion, erzählte einige der philosophischen Witze, die er stets auf Lager hat, und erklärte sich in zumindest einem Umstand zum lebenden Beweis für Freuds Analyse der menschlichen Psyche: „Wenn Sie mich länger als fünf Sekunden ansehen und nicht denken, ich sei neurotisch - dann kann ich Ihnen auch nicht helfen!“

TT-ePaper gratis testen und 20 x € 100,- Einkaufsgutscheine gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch

Unzählige Referenzen zu anderen Philosophen, von Lacan bis zu Badiou (auch dem Österreicher Robert Pfaller wurde die Ehre zuteil, „als großer Philosoph aus Ihrer Mitte“ zitiert zu werden), sind ebenso Standard in Zizeks Vorträgen wie religionsgeschichtliche und gesellschaftliche Anmerkungen. Seine Vision eines Geschlechtslebens, bei dem künstliche Penisse und Vaginas „ihre Pflicht erfüllen“, während sich ein Paar in aller Sanftheit tatsächlich näherkommen könne, erregte Heiterkeit.

Zwischendurch machte Zizek auch einen Vorschlag für ein neues Ende für Roberto Benignis Film „Das Leben ist schön“: Zum Schluss solle sich herausstellen, dass nicht nur der Vater seinem Sohn das Konzentrationslager als Wettbewerb, den es zu gewinnen gelte, vorgespiegelt habe, sondern dass auch der über die Wahrheit Bescheid wissende Sohn seinem Vater zuliebe mitgespielt habe. Todestrieb oder nicht - alles drehe sich um Schein und Sein und darüber, ob auch das Huhn wisse, dass der sich zuvor für ein Getreidekorn haltende Patient nun geheilt sei...

Bereits gestern, Dienstag, Abend hatte Zizek ein zweistündiges Warm-Up im Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) absolviert. Eingeleitet von Slawomir Sierakowski, dem Gründer und Chefredakteur der polnischen Zeitschrift „Krytyka Polityczna“, wurde er in der IWM-Bibliothek seinem Ruf eines provokanten Querdenkers gerecht. Rasch hatte er sich warmgeredet und lieferte ein Stakkato an Gedanken, Pointen, Bemerkungen und Anekdoten.

Der Titel „What does it mean to be a great thinker today?“, für den an diesem Abend niemand mehr verantwortlich sein wollte, sei wunderbar gewählt, ätzte Zizek, denn er lasse ihm alle Freiheiten. Freiheit war in der Folge auch eines der Themen seines Schnelldurchlaufs durch alle erdenklichen Stichworte.

Ausgehend von der im Bibliotheksregal prominent platzierten Marx-Engels-Studienausgabe, ging er vom Vergleich zwischen Stalinismus und Faschismus direkt zur Frankfurter Schule und der „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno über, machte einen Abstecher zu Aristoteles und Platon, schwadronierte über die Französische Revolution und jene in Haiti und landete bei Anmerkungen zu Gruppenvergewaltigungen und Kinderhandel in Indien.

Zizek bekannte sich als Syriza-Fan und Freund von Alexis Tsipras, dessen Politik in früheren Zeiten moderat sozialdemokratisch genannt worden wäre, heute jedoch verdammt würde. Er sei für die Zukunft jedoch pessimistisch und fürchte eine von Griechenland ausgehende Spaltung Europas.

Am Ende hatten von den anwesenden heimischen Denkern weder Robert Pfaller, Isolde Charim, Doron Rabinovici oder Philipp Blom und auch nicht Alexander van der Bellen eine Frage. „Wespennest“-Herausgeber Walter Famler sprang ein und nannte den Vortrag höchst unterhaltsam, doch ein „Cocktail von Platitüden“. Es wäre nicht Zizek, hätte er dies nicht einfach als Anregung verstanden, weiterzureden.


Kommentieren