56. Kunstbiennale: Das Kapital, Songs aus der Fabrik und ein Einsturz

Venedig (APA) - Erschlägt einen dieser Tage im Venediger Arsenale die schiere Wucht der Kriegsmetaphorik, ist es im zentralen Biennale-Pavil...

Venedig (APA) - Erschlägt einen dieser Tage im Venediger Arsenale die schiere Wucht der Kriegsmetaphorik, ist es im zentralen Biennale-Pavillon in den Giardini „Das Kapital“, das einen verfolgt. Kurator Okwui Enwezor hat Karl Marx‘ Hauptwerk den Status eines „Filters“ verliehen, der sich lose (und weniger lose) über die Werke der internationalen Ausstellung von „All the Wold‘s Futures“ legt.

Das Herzstück der Schau findet sich zweifelsfrei im Zentrum des Pavillons. Mit der „Arena“ hat Enwezor eine Bühne geschaffen, auf der Teile aus Marx‘ „Das Kapital“ täglich mehrfach laut vorgetragen werden, bis zum Ende der Ausstellung am 22. November. Der Publikumsandrang hielt sich am Mittwochnachmittag, als Ivana Belac und Steven Varni aus dem ersten Kapitel des ersten Bands („Die Ware“) lasen, jedoch in Grenzen. Dabei lohnt es sich, diese halbe Stunde sitzen zu bleiben, um dem (englischen) Vortrag zuzuhören. Wer hat „Das Kapital“ schon tatsächlich gelesen? Wann hat man es, mit der Intensität einer Inszenierung (Regie: Isaac Julien) je vorgelesen bekommen? So bekommt man einen kleinen Einblick in Begriffe wie Gebrauchswert, Tauschwert und Wert von Arbeitszeit.

Verstärkt wird das Beklemmungsgefühl, als wenig später die nächste Performance beginnt: Jeremy Deller hat unter dem Titel „Broadsides & Ballads of the Industrial Revolution“ Lieder zusammengestellt, in denen das Leid und die Lebensumstände von Fabriksarbeitern im 19. Jahrhundert besungen werden. Die leider namenlos bleibende Sängerin intoniert die alten Balladen derart hin- und mitreißend, dass diesmal kein Besucher der mittlerweile angewachsenen Menge wagt, seinen Platz zu verlassen.

Während das Oratorium „Das Kapital“ mehrmals pro Tag auf dem Programm steht, sind Performances wie Ivana Müllers „We Are Still Watching“ oder Jason Morans „Work Songs“ nur einmal täglich zu erleben. Ob man nun hineinstolpert oder gezielt die etwas versteckte Arena ansteuert, einen Anstoß zum Nachdenken bekommt man auf jeden Fall mit auf den Weg.

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Dieser führt einen im Pavillon auch vorbei an deutlich dem „Kapital-Filter“ zugehörigen Arbeiten wie etwa Isaac Juliens Video-Installation „Kapital“ (2013) oder Alexander Kluges „Nachrichten aus der ideologischen Antike, Marx, Eisenstein - Das Kapital, 2008 - 2015“. Dieser dreiteiligen Video-Installation, in der drei Filme parallel laufen, ist wohl nur abseits der Preview- und Eröffnungshysterie zu folgen, in der sich die Publikumsmassen durch die engen Räume wälzen.

Zum Verweilen laden unterdessen die 100 „Demonstration Drawings“ von Rirkrit Tiravanija ein. In seinen kleinen Bleistiftzeichnungen erzählt der Künstler von Demos rund um den Globus - sei es gegen Gen-Mais, Barack Obama oder Homophobie in Russland. Buchstäblich einen Zusammenbruch unter der allgegenwärtigen Informationslast zeigt Thomas Hirschhorns Installation „Roof Off“, die eine eingebrochene Decke zeigt, die eine Unzahl beschrifteter Zettel mitreißt. So ähnlich fühlt sich der eine oder andere Biennale-Besucher dann wohl auch am Ende des ersten Tages.

(S E R V I C E - www.la biennale.org )


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