Moldau: Zögerliche Emanzipation im Spannungsfeld EU-Russland

Chisinau/Bukarest (APA) - Der anstehende 70. Jahrestag des Kriegsendes wird auch in der Republik Moldau durch den Konflikt zwischen der EU u...

Chisinau/Bukarest (APA) - Der anstehende 70. Jahrestag des Kriegsendes wird auch in der Republik Moldau durch den Konflikt zwischen der EU und Russland überschattet, der immer wieder Anlass zu rhetorischen Rückgriffen auf vergangen geglaubte Zeiten des Kalten Krieges gibt. Die Spaltung ist gerade in demokratiepolitisch noch unreifen postsowjetischen Ländern wie der Republik Moldau besonders deutlich spürbar.

„Es ist eine zerrissene Gesellschaft“, beschreibt der Historiker Anatol Taranu im APA-Interview die stark voneinander abweichenden Geschichtsauffassungen in dem Land, das 1991 seine Unabhängigkeit von der Russischen Föderation verkündet hat, aber nach wie im Spannungsfeld zwischen russischen Machtdemonstrationen und europäischen Demokratisierungsversuchen steht.

Während für Europa der Sieg über die Nazidiktatur als Ergebnis eines solidarischen Vorgehens der Nationen aufgefasst wird, betont Taranu, gelte für die aktuelle Russische Föderation, dass Nazideutschland im sogenannten „Großen Krieg zur Heimatverteidigung“ unterlag, und dass Europa dies dem „sowjetischen Volk“ zu danken habe. Die Absicht, mit der der Kreml den Ex-Sowjetrepubliken „diese Ideologien aufoktroyiert“, sei es „die Überlegenheit Russlands als Retterin Europas zu bestätigen und dessen geopolitischen Einfluss im postsowjetischen Raum, ja sogar Russlands Streben nach einem Wiederaufbau der UdSSR in neuer Form zu rechtfertigen“.

Die Identität der Moldauer ist infolge häufiger Grenzverschiebungen höchst ambivalent. 1812 wurde das Gebiet östlich des Prut, auch als Bessarabien bekannt, von der rumänischen Moldau abgespalten und blieb bis 1917 in russischer Hand. 1918 erfolgte die Vereinigung mit Rumänien, 1940, infolge des Hitler-Stalin-Pakts, wurde es wiederum an die Sowjetunion abgetreten und als Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik neu gegründet. 1941 wurde die Republik Moldau im Zuge der Offensive gegen Russland von der damals noch mit Nazideutschland verbündeten rumänischen Armee erobert.

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„Das Drama Rumäniens war, dass die Befreiung Bessarabiens von der sowjetischen Besetzung nur mit dem Preis einer Allianz mit Hitlerdeutschland möglich war“, erklärt Taranu. 1944 wechselt Rumänien auf die Seite der Entente. Nach der Rückeroberung durch sowjetische Truppen wird die Republik Moldau erneut der Sowjetunion einverleibt.

„Die Entsowjetisierung der kollektiven Mentalität ist ein langsamer Prozess“, betont Taranu. So erklärt sich, weshalb die Republik Moldau erst heuer entschieden hat, für seine Veteranen Ehrungsmedaillen ohne Hammer und Sichel zu prägen. Eine noch deutlichere Geste der „Desolidarisierung von Russland „ war die Entscheidung des Staatschefs Nicolae Timofti, wie auch zahlreiche andere europäische Spitzenpolitiker, die Einladung zur Militärparade in Moskau abzulehnen, meint Taranu.

Die politische Bekenntnis zu demokratischen Werten, die im Jahr 2009 mit der Ablösung der kommunistischen Regierung und der Machtübernahme pro-europäischer Regierungsallianzen einsetzte und zuletzt zur Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU im Sommer 2014 führte, ist aber keineswegs eindeutig. Denn während 1945 in Westeuropa Frieden und Demokratie den Gesellschaften zu einer allmählichen Genesung verhalfen, machten sich in Osteuropa die kommunistischen Diktaturen breit. Viele sehen darin bis heute, wie es der rumänische Politologe Valentin Naumescu kürzlich formulierte, eine Opferung des Ostens durch den Westen, eine Hinnahme der Gräuel des Kommunismus, welche zwei Generationen erleiden mussten und denen 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

„Die Moldauer haben dieses Gefühl eines erneuten Verrats seitens der europäischen Demokratien“, bestätigt Taranu. Zwar ist zu erwarten, dass der bevorstehende Gipfel der Östlichen Partnerschaft in Riga gerade im Kontext des Konflikts mit Russland die strategische Bedeutung der europäischen Nachbarschaftspolitik im Osten betonen wird; doch den EU-Beitritt, den die Republik Moldau anstrebt, hat Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zumindest in absehbarer Zukunft ausgeschlossen.

Dabei wäre die „historische Reparation“ der Ost-West-Zäsur aus moldauischer Sicht „allein durch die Erweiterung Europas, beziehungsweise die Aberkennung des Vetorechts Russlands bezüglich dieses Prozesses“ zu erzielen, glaubt Taranu: „Jeder Versuch, das Anrecht Russlands auf eine Einflusszone in Europa anzuerkennen ist eindeutig kontraproduktiv und revitalisiert die imperialistischen Praktiken, die zum Ausbruch der Weltkriege geführt haben“, warnt der Historiker.

(Das Gespräch führte Laura Balomiri/APA)


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