Flüchtlingsdrama ist tägliche Herausforderung für Siziliens Helfer

Catania (APA) - Das Flüchtlingsdrama auf Sizilien mit der kontinuierlichen Ankunft tausender Menschen in Not, ist eine tägliche Herausforder...

Catania (APA) - Das Flüchtlingsdrama auf Sizilien mit der kontinuierlichen Ankunft tausender Menschen in Not, ist eine tägliche Herausforderung für ehrenamtliche Helfer auf Sizilien. Ein Heer von Freiwilligen des Roten Kreuzes, des Zivilschutzes und NGOs ist seit Monaten im Dauereinsatz, um dort zu helfen, wo Flüchtlinge am dringendsten Unterstützung brauchen.

Ersthilfe, medizinische und psychologische Betreuung, legale Unterstützung bei der Einreichung der Asylanträge, Hilfe für Minderjährige: Die Bereiche, in denen Freiwillige auf Sizilien tätig sind und Lücken füllen, die von staatlichen und lokalen Behörden hinterlassen werden, sind breit gefächert. Allein auf Sizilien sind 3.300 Helfer des Roten Kreuzes im Einsatz.

Silvia Dizzia ist seit einem Jahr Freiwillige des Roten Kreuzes in Catania. Die junge Rechtsanwältin gehört dem Team „Restoring Family links“ an, einer Gruppe aus neun Personen, die sich mit Personensuche befasst. „Unsere Aufgabe ist es, Familien wieder zusammenzuführen, die bei der Flucht nach Europa getrennt wurden. Viele Flüchtlinge werden vermisst, Angehörige suchen nach ihnen. Bei uns erhalten sie internationale Unterstützung, um ihre Verwandten wiederzufinden“, berichtet Dizzia.

Das Team für die Personensuche besteht aus Psychologen, Rechtsanwälten und Dolmetschern. „Unsere Mitarbeiter sprechen Dialekte aus Senegal und Mali und helfen uns, Sprachprobleme im Umgang mit den Migranten zu überbrücken. Für mich ist all dies eine wunderbare Erfahrung. Wir arbeiten nicht für die Flüchtlinge, sondern mit den Flüchtlingen. Es entwickeln sich Synergien und eine konstruktive Zusammenarbeit, die uns alle bereichert. Natürlich ist es auch eine Belastung, mit so vielen schwierigen Schicksalen konfrontiert zu sein. Man ist ständig gezwungen, sich zu fragen, warum das alles geschieht“, sagt Dizzia.

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Neben dem Roten Kreuz bietet auch die Caritas in Catania Flüchtlingen Unterstützung. Täglich wird der Caritas-Sitz unweit des Bahnhofs von Dutzenden Migranten aufgesucht, die hier Lebensmittel, Kleider und Beratung bekommen. Zu den ehrenamtlichen Caritas-Helfern zählt auch der 23-jährige Abdel Karim aus dem Sudan. An der Universität Catania studiert er Politikwissenschaften. „Ich habe Glück. Ich bin mit einem Studentenvisum und nicht an Bord eines Bootes nach Italien gereist. Bei der Caritas helfe ich vor allem Minderjährigen. Oft werden Teenager von ihren Familien allein nach Europa geschickt. Sie haben viele unrealistische Vorstellungen über das Leben in Europa, die dann am Alltag hier zerschellen. Viele wissen nicht, was sie tun können, wie sie Verwandte in anderen Ländern erreichen können. Einige von ihnen wollen dann wieder zurück“, meint Karim im Gespräch mit der APA.

Nicht einfach ist es für Karim, mit jungen Flüchtlingen in Kontakt zu kommen. „Vor allem Minderjährige sind sehr misstrauisch. Sie befürchten, dass man sie in ihre Heimat zurückschicken könnte. Sie fürchten sich vor Schleppern, die von ihnen Geld verlangen könnten“, meint Karim Diesen Eindruck teilt auch die Caritas-Sozialarbeiterin Valentina Calí. „Die unbegleiteten Minderjährigen wollen nicht identifizieren werden. Es ist schwierig, mit ihnen eine Form des Vertrauens aufzubauen. Sie sind sehr zurückhaltend. Sie stammen mehrheitlich aus Ägypten, Eritrea und Somalia“, berichtet Calí

Bei der Caritas in Catania überschneidet sich der Flüchtlingsnotstand mit den schweren Schicksalen vieler Armen der Stadt, die wegen der Krise in Italien mit Arbeitslosigkeit und Wohnungsproblemen konfrontiert sind. „Seit 2011 hat sich die Wirtschaftslage in der Stadt verschlechtert. Viele Familien sind wegen der Arbeitslosigkeit von akuten finanziellen Problemen belastet. Viele Frauen wissen nicht mehr, wie sie ihre Kinder ernähren sollen. Zu dieser ohnehin schwierigen Lagen ist jetzt noch der Flüchtlingsnotstand dazugekommen. Im vergangenen August haben wir über 500 Personen regelmäßig betreut. Das ist für uns eine große Herausforderung. Zum Glück hilft und die Lokalbevölkerung mit Kleidern, Lebensmitteln und Spenden“, berichtet Calí.

Ein Bild vor Ort des humanitären Einsatzes ehrenamtlicher Helfer auf Sizilien macht sich die Migrationsexpertin des Österreichischen Roten Kreuzes Andrea Kotorman. „Nach dem letzten großen Schiffsunglück mit hunderten Todesopfern am 19. April ist die Solidaritätswelle mit den Flüchtlingen in Österreich stark gewachsen. Das Rote Kreuz hat 30.000 Euro an Spenden gesammelt. Das Recht auf Asyl ist international anerkannt, es muss aber auch gewährt werden. Die legale EU-Einreise ist zu schwierig. Flüchtlinge haben heute keine Wege, legal nach Europa einzureisen, was das Geschäft der Schlepper fördert“, meint Kotorman.

Die Juristin ist der Ansicht, dass die EU-Mitglieder die Regeln für die Asylantragsstellung harmonisieren müssen. „Heute geht jedes Land anders vor. Man muss gemeinsame Regelungen garantieren“, meint Kotorman. Menschen, die illegal nach Europa einreisen, dürften außerdem bei der Asylantragsstellung nicht benachteiligt werden.


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