Aus den Trümmern marschierte der Kalte Krieg auf

Nach 1945 zerfiel die Welt in zwei Machtblöcke. Erst mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 wurde der Zweite Weltkrieg überwunden.

Millionen feierten am 8. Mai 1945 auf der Champs-Élysées in Paris den Sieg über und die Befreiung von Nazi-Deutschland.
© Eyedea/picturedesk.com

Von Peter Nindler

Innsbruck – Am 8. Mai 1945 um 23.01 Uhr schwiegen in Europa die Waffen, mit der Kapitulation Deutschlands war auf dem alten Kontinent der Krieg vorbei. Aber erst mit der Niederlage Japans am 2. September besetzte die zweite weltumspannende militärische Auseinandersetzung endgültig die Geschichtsbücher. Schon Jahre und Monate davor zimmerten die Siegermächte USA, Großbritannien, die Sowjetunion und Frankreich, wie im Februar 1945 in Jalta, die Nachkriegsordnung, aber nach dem Sieg über Nazi-Deutschland zerfielen das Anti-Hitler-Bündnis und die Welt in zwei Machtblöcke. Europa wurde zum Aufmarschgebiet für den Kalten Krieg zwischen der Sowjetunion unter Josef Stalin und der freien Welt unter dem Sternenbanner der Vereinigten Staaten von Amerika.

Gleichgewicht des Schreckens

Einig waren sich die beiden neuen Supermächte nur darin, dass Deutschland nie mehr in der Lage sein dürfe, einen Krieg anzufangen. Doch damit hatte es sich schon mit den Gemeinsamkeiten. Mit der Teilung Deutschlands 1949 mündete der Ost-West-Konflikt in Europa in den Kalten Krieg, der Bau der 1378 Kilometer langen Berliner Mauer zementierte 1961 die zwei Blöcke schließlich ein. Die durch die Sowjets befreiten osteuropäischen Länder entwickelten sich rasch zu Satellitenstaaten unter dem Einfluss des Moskauer Kremls.

Demgegenüber standen die USA, die ihrerseits wirtschaftliche, aber auch politische Ziele in Europa verfolgten. Der Nordatlantikpakt und der Warschauer Pakt bildeten über Jahrzehnte das Gleichgewicht des Schreckens, die Charta der Vereinten Nationen (UNO), die am 24. Oktober 1945 in Kraft getreten ist, konnte bestenfalls ein erste Reihe fußfrei sitzender internationaler Schiedsrichter sein.

Erst mit dem Zusammenbruch des Ostblocks, dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 und der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 wurde der Zweite Weltkrieg überwunden. Dazwischen lagen unzählige Krisen, mehrmals – und nicht nur während der Kuba-Krise im Oktober 1962 – stand die Welt neuerlich am Abgrund und vor dem Ausbruch eines Dritten Weltkriegs. Kuba, Korea- und Vietnamkrieg sowie Afghanistan waren stellvertretend die kriegerischen Schauplätze für den Kalten Krieg. Hochgerüstete Waffenkammern, bestückt mit Atomraketen, machten die Welt zu einem Pulverfass, das jederzeit zu explodieren drohte.

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Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann auch der Kolonialismus endgültig zu bröckeln wie nach 1918 die Kaiserreiche Deutschland, Österreich und das Osmanische Reich. Die Völker Asiens, Nord- und Zentralafrikas wollten unabhängig werden von Großbritannien, Frankreich oder Belgien. Gleichzeitig etablierte sich nach dem chinesischen Bürgerkrieg mit der Ausrufung der Volksrepublik China durch Mao Tse-tung 1949 eine zweite kommunistische Großmacht.

Wirtschaftliche Kooperation zur Überwindung alter Feindseligkeiten

Westeuropa mit den ehemaligen Kriegsgegnern Frankreich, Deutschland und Italien versuchte vorerst mit wirtschaftlicher Zusammenarbeit die historischen Feindseligkeiten zu überwinden, treibende Kraft war der französische Außenminister Robert Schuman. 1957 wurde mit den Römischen Verträgen die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, die heutige Europäische Union, gegründet. Der Kreis der damals sechs Gründungsstaaten Frankreich, Italien, Deutschland, Belgien, Luxemburg und Niederlande hat sich seither um 22 Länder erweitert. Die mit dem Niedergang des Kommunismus endende Nachkriegsordnung hat die Erweiterung der Europäischen Union in den 2000er-Jahren stark beschleunigt. Österreich ist heuer 20 Jahre EU-Mitglied.

Die staatspolitische Situation Österreichs nach 1945 glich jener Deutschlands. In die französische, britische, amerikanische und sowjetische Besatzungszonen aufgeteilt, hatten die Siegermächte das Sagen. Die vier im Jeep wurden zum Symbol von Nachkriegsösterreich. Das politische Ziel war jedoch die Wiedererlangung der Souveränität, ein Vorhaben, das durch den Kalten Krieg immer wieder gebremst wurde. Erst Stalins Tod 1953 eröffnete ein Zeitfenster, ein „Window of Opportunity“ (Fenster der Möglichkeiten). Mit dem Staatsvertrag am 15. Mai 1955 und der Erklärung der immerwährenden Neutralität am 26. Oktober erhielt Rot-Weiß-Rot seine volle staatliche Souveränität zurück. Dass erst nach Abschluss des Staatsvertrags die letzten Österreicher aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrten, symbolisiert wohl am besten die Situation in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.

Das globale Dorf

In den vergangenen 70 Jahren ist die Welt ein „global village“ (globales Dorf) geworden. Nach Wirtschaftswundern und -krisen, dem Flug zum Mond haben Fortschritte in Medizin, Wissenschaft und Technik, Telekommunikation und die elektronische bzw. digitale Revolution das Gesicht der Welt rasant verändert. Und doch gleichen beinahe täglich die Bilder von heute jenen von gestern.

Trotz der Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs blieb Krieg auch nach 1945 mit bisher rund 40 Millionen Opfern ein weltweit angewandtes Mittel, um politische Interessen durchzusetzen. Und der Völkermord aus ethnischem und religiösem Fanatismus haftet wie eine nicht zu heilende Krankheit an dieser Welt. Im ehemaligen Jugoslawien kehrte der (Bürger-)Krieg Anfang der 1990er-Jahre nach Europa zurück. Die Gräber von Srebrenica und Vukovar und die heutigen Flüchtlingsströme aus Afrika und dem Nahen Osten sind Zeugen für die Geißel der Menschheit: Wir haben den Krieg bis heute nicht besiegt.

„Victory Day“ als Tag der Befreiung

Dass der Zweite Weltkrieg nach dem Freitod Adolf Hitlers am 30. April 1945 und der Einnahme Berlins durch die Rote Armee noch acht Tage gedauert hat, muss sein provisorischer Nachfolger Karl Dönitz verantworten. Der Großadmiral hoffte nach wie vor auf einen Separatfrieden mit England und den USA, aber diese lehnten ab. Nach Teilkapitulationen unterzeichnete schließlich Alfred Jodl im Alliierten-Hauptquartier im französischen Reims am 7. Mai die bedingungslose Kapitulation von Nazi-Deutschland, die am 8. Mai in Kraft trat.

Der Krieg in Europa war aus, der 8. Mai ging als VE-Day („Victory in Europe Day“) in die Geschichte ein. Für viele Länder ist er auch der Tag der Befreiung vom nationalsozialistischen Terrorregime. In London und Paris wurde am 8. Mai überschwänglich gefeiert. In Wien-Al­sergrund wurde in Erinnerung an die Befreiung die „Straße des Achten Mai“ aus der Taufe gehoben.

Aufgrund der Zeitverschiebung wird in Russland der 9. Mai als „Tag des Sieges“ gefeiert.


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