Die Herkunftsländer der Mittelmeer-Flüchtlinge

Rom (APA/AFP/dpa) - Bürgerkrieg, islamistische Terrormilizen, Armut und Hunger: Die Mittelmeer-Flüchtlinge werden von Bedrohungen oder einer...

Rom (APA/AFP/dpa) - Bürgerkrieg, islamistische Terrormilizen, Armut und Hunger: Die Mittelmeer-Flüchtlinge werden von Bedrohungen oder einer Perspektivenlosigkeit in ihren Heimatländern zu einer lebensgefährlichen Fahrt in überfüllten Booten über das Mittelmeer in die Hände von Schleppern getrieben.

Fast 219.000 Flüchtlinge haben laut UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) im vorigen Jahr die lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer nach Europa gewagt. Mehr als 170.000 von ihnen gelangten nach Italien.

Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kamen im ersten Quartal 2015 in Italien mehr als 10.000 Flüchtlinge an. Die meisten davon aus Gambia (1.413 Personen), dem Senegal (1.187), Somalia (1.107), Syrien (1.056), Mali (991), Eritrea (906) und Nigeria (873).

Auch im IOM-Jahresbericht von 2014 finden sich bei den Flüchtlingen, die in Italien ankamen, diese Herkunftsländer: Syrien (42.323 Personen), Eritrea (34.329), Mali (9.938), Nigeria (9.000), Gambia (8.707), Palästina (6.082) und Somalia (5.756).

Es folgt eine Auflistung der Zustände in den zentralen Herkunftsländern:

LIBYEN:

Ihre Route über das Mittelmeer treten die meisten Flüchtlinge in Libyen an. Nach dem Sturz des Langzeit-Diktators Muammar al-Gaddafi 2011 ist das Land im Chaos versunken. Es gibt keine funktionierende Regierung, die willens oder in der Lage wäre, den Schleppern das Handwerk zu legen. Seit Monaten toben in dem ölreichen Land Kämpfe zwischen rivalisierenden Milizen. Im Sommer vergangenen Jahres eroberten islamistische Milizen die Hauptstadt Tripolis. Die international anerkannte Regierung floh nach Tobruk im Osten des Landes. Neben der Kammer in Tobruk hat sich ein Gegenparlament in Tripolis gebildet. Dieses wird von Islamisten dominiert. Die chaotische Lage hat sich nochmals verschärft, seitdem sich die Jihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) in Libyen ausbreitet.

Von der libyschen Küste bis zur vorgelagerten italienischen Insel Lampedusa sind es nur rund 300 Kilometer. Die Mittelmeerküste zieht sich über Hunderte Kilometer. Nach Angaben der EU-Grenzbehörde Frontex kamen 170.000 Menschen von Libyen aus über das Mittelmeer.

SYRIEN:

In dem seit vier Jahren andauernden Bürgerkrieg sind mindestens 220.000 Menschen ums Leben gekommen. Das Land liegt wirtschaftlich am Boden. Am 15. März 2011 nahm der Krieg seinen Anfang, ein Ende ist nicht in Sicht. Das Regime von Bashar al-Assad hat mit Russland und dem schiitischen Iran mächtige Verbündete im Ausland. Teheran unterstützt Damaskus mit Geld und Kämpfern. Zudem kämpft die libanesische Schiiten-Miliz an der Seite Assads. Die USA und Europa lehnen eine militärische Intervention gegen das Assad-Regime ab. Aber auch die Rebellen erhalten Geld und Waffen aus dem Ausland, unter anderem aus Saudi-Arabien. So wurde die Krise zu einem regionalen Konflikt.

Als die Krise in Syrien eskalierte, fasste dort auch der IS Fuß. Jetzt kontrolliert sie dort ein Drittel der Landesfläche. Andere Teile Syriens stehen unter Herrschaft der Al-Nusra-Front, einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Moderate Kräfte sind auf dem Rückzug.

NIGERIA:

Mehr als die Hälfte der Einwohner lebt in extremer Armut. Zu den drängendsten Problemen zählen auch hohe Arbeitslosigkeit, Aids und Korruption. Die radikalislamische Miliz Boko Haram kämpft mit Gewalt für einen islamischen Staat im mehrheitlich muslimischen Norden Nigerias. Seit dem Jahr 2009 tötete die Gruppe bei Angriffen auf Polizei, Armee, Kirchen und Schulen nach UNO-Angaben mehr als 15.000 Menschen, Hunderte wurden als Geiseln genommen. Rund 1,5 Millionen sind innerhalb Nigerias oder in die Nachbarländer geflohen. Das nigerianische Militär wird im Kampf gegen Boko Haram („Westliche Bildung ist Sünde“) mittlerweile von Truppen aus den Nachbarländern Kamerun, Niger und Tschad unterstützt.

SOMALIA:

Die Mehrheit der Bevölkerung des ostafrikanischen Landes ist unterernährt und lebt in extremer Armut. Somalia gilt weiterhin als eines der unsichersten Länder der Welt. Die islamistische Al-Shabaab-Miliz mit Verbindungen zur radikalislamischen Al-Kaida sorgt seit Jahren für Angst und Schrecken, auch wenn sie zuletzt nach einer Militäroffensive der Afrikanischen Union und durch US-Drohnenangriffe in die Defensive geraten ist. Sie will die Regierung stürzen und die Scharia einführen. Auch im benachbarten Kenia und in anderen Ländern hat sie Anschläge verübt. 2011 wurde sie von einer afrikanischen Friedenstruppe aus Mogadischu verdrängt. Seitdem hat sie sich auf eine guerilla-ähnliche Taktik verlegt.

GBIA:

Ein Großteil der Bevölkerung lebt in bitterer Armut. Der als exzentrisch geltende Präsident Yahya Jammeh war 1994 mit einem Militärputsch an die Macht gekommen und regiert das arme westafrikanische Land seither mit eiserner Hand. Ihm werden immer wieder Menschenrechtsverletzungen und die Unterdrückung der Pressefreiheit und Opposition vorgeworfen. Ein Putschversuch gegen ihn scheiterte. Der kleine Staat Gambia liegt entlang des gleichnamigen Flusses. An dessen Mündung hat das anglophone kleine Land Zugang zum Atlantik, ansonsten ist es vom Senegal umschlossen. Gambia war im vergangenen Jahr auch schwer von der Ebola-Epidemie betroffen.

SENEGAL:

Die Mehrheit der Bevölkerung im muslimischen westafrikanischen Land lebt von weniger als zwei Dollar pro Tag. Jedes vierte Kind unter fünf Jahren ist chronisch unterernährt. In der Sahelzone sterben jedes Jahr 200.000 bis 300.000 Kinder unter fünf Jahren an den Folgen von Mangel- und Unterernährung. Insgesamt lag der Anteil der unterernährten Bevölkerung im Senegal im vergangenen Jahr bei 22 Prozent. Der senegalesische Präsident Macky Sall sah in den bewaffneten islamistischen Gruppen in der nordafrikanischen Sahelzone eine Bedrohung.

MALI:

Die rund 16 Millionen Menschen kämpfen um das tägliche Überleben, denn der Wüstenstaat gehört zu den ärmsten Ländern. Auch Korruption und hohes Bevölkerungswachstum stehen der Entwicklung in dem zu mehr als 60 Prozent von Wüste bedeckten Land im Weg. Der Norden Malis kommt nicht zur Ruhe. Rivalisierende bewaffnete Gruppen, Drogenhändler und Jihadistengruppen sind in der Wüstengegend aktiv. Im Jänner 2013 hatte die französische Armee Jihadisten zurückgedrängt, die den Norden Malis unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Trotz Unruhen im Norden hat der arme Sahelstaat Mali bis zum Militärputsch 2012 als eine der wenigen funktionierenden Demokratien Afrikas gegolten. Ebenso wie Gambia war auch Mali von der Ebola-Epidemie betroffen. Zu Jahresbeginn wurde die Epidemie im westafrikanischen Mali offiziell für beendet erklärt.

ERITREA:

Wegen der fehlenden Pressefreiheit ist so gut wie nichts über den Staat und die Lebensumstände der Bevölkerung bekannt. Eritrea gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Vor allem junge Menschen fliehen vor dem Militärdienst. Der bitterarme Staat am Horn von Afrika, der von Kritikern auch als das „Nordkorea Afrikas“ bezeichnet wird, ist nahezu vollständig abgeriegelt. Seit der Unabhängigkeit von Äthiopien im Jahr 1993 regiert Präsident Isaias Afwerki das Land mit eiserner Faust, Wahlen gibt es nicht. Unabhängige Stimmen im Land werden komplett unterdrückt. Eritrea ist mit Platz 180 das Schlusslicht in der „Rangliste der Pressefreiheit“ von Reporter ohne Grenzen.

(Grafik 0553-15)

~ WEB http://www.unhcr.org ~ APA146 2015-05-07/10:23


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