Ein mutiger Arbeiter, der das Grauen voraussah

Regisseur Oliver Hirschbiegel setzt Hitler-Attentäter Georg Elser mit dem Film „Elser – Er hätte die Welt verändert“ ein Denkmal.

© Thimfilm

Von Peter Angerer

Innsbruck –Auch die Nazis wussten von der Macht von Symbolen und Gedenktagen. Jedes Jahr erinnerten sie am 8. November an den gescheiterten Putschversuch von 1923, weshalb auch der Tischler Georg Elser 1938 davon ausgehen konnte, in einem Jahr Adolf Hitler bei seiner Rede im Münchner Bürgerbräukeller töten zu können. Seine Möglichkeiten erlaubten keine spontane Ausführung eines Attentats, denn der als fleißig beschriebene, aber wegen seiner Nichtparteizugehörigkeit meist arbeitslose Tischler aus dem schwäbischen Königsbronn musste das für eine Bombe notwendige Dynamit in kleinen Einheiten aus einem nahen Steinbruch stehlen und dann will eine komplizierte Bombe erst einmal gebaut werden.

Elsers Bombe, die schließlich am 8. November 1939 im Bürgerbräukeller detonierte und acht Menschen tötete, aber Hitler um 13 Minuten – wegen Nebels war der Flug verschoben worden – verfehlte, war derart perfekt gebaut gewesen, dass Reichssicherheitshauptamt und Gestapo hinter dem Anschlag ein dichtes Netz von Verschwörern vermuteten. Tatsächlich verriet Elser bei seinem ersten Verhör seinen Auftraggeber. In Königsbronn sei er an einem der beiden öffentlichen Fernsprecher vorbeigeschlendert und da habe ihn Winston Churchill angerufen und persönlich mit dieser Mission betraut. Dieser Frechheit folgen natürlich Schläge.

Mit diesem Witz eröffnet Oliver Hirschbiegel seinen ersten deutschen Film nach „Der Untergang”. In der Folge gibt es in „Elser – Er hätte die Welt verändert” nichts mehr zu lachen. Auch unter brutalster Folter mit Peitschen, mit glühender Ahle unter den Fingernägeln bleibt Elser (Christian Friedel) dabei: Er war ein Einzeltäter. In vier Verhörtagen kann er Arthur Nebe (Burghart Klaußner), den Chef der Kripo, und den Gestapochef Heinrich Müller (Johann von Bülow) überzeugen, der Urheber von Bombe und Attentat gewesen zu sein. Für die Propagandamaschinerie musste natürlich der Größe des Führers entsprechend ein mächtigerer Sündenbock erfunden werden. Die Propagandaerzählung blieb bei Elsers Witz und verwandelte den katholischen Antifaschisten aus der Provinz, der bereits 1939 seine Ahnungen über das millionenfache Blutvergießen und das Grauen zu Protokoll gegeben hatte, in eine „Marionette der Engländer”. Diese infame Verdrehung verwandelte aber auch Widerstand in Verrat, weshalb Georg Elser nach dem Krieg nie zu einer Symbolfigur von Widerstandsbewegungen oder gar zu einer Person des Gedenkens werden konnte.

Es war der österreichische Kinostar Klaus Maria Brand­auer, der 1989 in seinem Regiedebüt „Georg Elser – Einer aus Deutschland” auf diesen mutigen Arbeiter, der unter diesem Regime nicht leben wollte und konnte, aufmerksam machte. Während aber Brandauer vor 25 Jahren die Ereignisse linear um das Attentat erzählte und – leider – eine Liebesgeschichte mit einer Kellnerin im Bürgerbräukeller dazuerfand, kann Hirschbiegel auf neue Erkenntnisse und Dokumente bauen, die von den Drehbuchautoren Fred und Léonie-Claire Breinersdorfer recherchiert wurden. Oliver Hirschbiegel inszeniert Elsers Geschichte in Rückblenden – als spannenden Politthriller. Er zeigt die sukzessiven Veränderungen einer Gesellschaft, die sich einer lärmenden Gewaltherrschaft bei Freibier und Wurst­eintopf johlend unterwirft; die eine Nachbarin, mit der gestern noch getanzt worden war, wie einen Maibaum bestaunt, nur weil ihr der Ortsgruppenleiter ein Schild („Ich bin im Ort das größte Schwein, ich lass mich nur mit Juden ein”) um den Hals gehängt hat. Es war der Ekel, den Elser nicht ertragen wollte. Am 9. April 1945 wurde er in Dachau, zwei Wochen vor der Befreiung des Konzentrationslagers, ermordet.


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