Volkstheater nimmt Fahrt auf

Vielversprechend: die erste Saison von Neo-Direktorin Anna Badora.

© APA/HANS KLAUS TECHT

Wien –Angesichts von Anna Badoras Spielplan für ihr erstes Jahr als Direktorin des so traditionsreichen wie schon etwas in die Jahre gekommenen Wiener Volkstheaters würde sich ein Dauersitz ebendort empfehlen. Noch dazu, wo man ja nach der endlich zugestandenen Zuschauerraum-Tribüne rein sehtechnisch ab Herbst eindeutig begünstigter sein wird als zuvor. Aber abseits des technisch Erfreulichen: Vom Saisonauftakt mit der Dramatisierung von Gerhard Fritschs zu Unrecht fast in Vergessenheit geratenem entlarvenden Roman zur österreichischen Nachkriegszeit und Nicht-Vergangenheitsbewältigung (Regie: Hausherrin Anna Badora) bis zur Uraufführung von „Homohalal“, einer 20 Jahre nach den Refugee-Protesten in der Wiener Votivkirche angesiedelten tragikomischen Utopie des in Wien lebenden syrischen Kurden Ibrahim Amir, spannt sich ein Theaterbogen, der, so Badora, „den Blick von allen Seiten“ auf Österreich richtet und von dort wiederum auf die Welt. Mit „Nora³“ (Ibsen/Jelinek), Thomas Bernhards „Alte Meister“ und Peter Handkes „Selbstbezichtigung“, alle inszeniert vom tschechischen Erfolgsregisseur Dušan David Parízek, werden laut Dramaturg Roland Koberg die „neuen Giebelfiguren“ des österreichischen Theaters gewürdigt.

Wobei, im Hinblick auf das traditionelle Volkstheater-Publikum und den kulturellen Auftrag als Theater in der Mitte der Stadt, auch klassisches Repertoire, jedoch im neuen Kleid, Platz findet: mit Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock“ in der Regie der Tirolerin Susanne Lietzow, Shakespeares „Romeo und Julia“, verantwortet vom nach langen Jahren in Deutschland erstmals in Wien inszenierenden Bregenzer Thomas Preuss, oder Tschechows „Iwanow“ des ungarischen Regisseurs Viktor Bodó, in Badoras Grazer Intendanz Garant für außergewöhnliche Arbeiten.

Vielversprechend lesen sich auch die Vorhaben für das ererbte „Volkstheater in den Bezirken“, in der Ära Schottenberg und davor sehr den „leichteren“ Stoffen verpflichtet. Christine Lavants „Das Wechselbälgchen“, dramatisiert von Maja Haderlap und umgesetzt von Puppenspieler Nikolaus Habjan, findet sich da neben dem Projekt „Die Fleischhauer von Wien“, in dem in Koproduktion mit dem Grazer „Theater im Bahnhof“ und unter Beteiligung von Berufsschülern Zeitphänomene von „Billigfleisch“ bis „Veganschickeria“ verhandelt werden.

Filmerin Anja Salomonowitz ist mit einer Uraufführung zum Thema männliche Beschneidung dabei, Thomas Glavinic stellt mit „Mugshots“ sein erstes Theaterstück vor und Fernsehstar Adele Neuhauser steht für „Fasching“ wieder auf der Bühne. Man darf gespannt sein und Anna Badora mit ihrem Ensemble einen guten Einstand im manchmal sehr (gegen-)windigen Wien wünschen. (lietz)


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