Wenn Tiroler Flüchtlingen ihre Türen öffnen

Während andere vom „vollen Boot“ sprechen, stehen sie mit offenen Armen da: Tiroler, die Flüchtlinge bei sich zu Hause aufnehmen.

Siggi Larcher und die jungen Männer von Mentlberg. Die ganze Familie hilft Flüchtlingen, in ihrem Haus fand eine junge Frau aus Somalia Unterschlupf.
© zeitungsfoto.at

Von Michaela Spirk-Paulmichl

Innsbruck –Die Sache ist ganz einfach, zumindest für den Innsbrucker Pensionisten Siggi Larcher: „Sie sind da, und da muss man ihnen auch helfen.“ Vielleicht liegt es daran, dass seine Eltern auch auf der Flucht waren – zuerst vor den Faschisten in Südtirol und später vor den Bomben in Berlin. Aber nein, das allein ist es nicht. „Helfen macht Spaß“, sagt der 71-Jährige. Und: „Was die heute mitmachen, das kann man nicht mit damals vergleichen. Wir haben nichts gehabt, aber es ist uns gut gegangen.“

Also ist Shugri in einer Garçonnière in der Haushälfte der Familie eingezogen. Siggis Frau hatte sich bei der Caritas gemeldet, die der Familie schließlich die junge Somalierin vermittelte. Sie ist Anfang 20 und erzählt nicht viel von früher. Sie fährt jeden Tag zum Deutschkurs, die Leute aus der Nachbarschaft setzen sich im Bus neben sie und unterhalten sich mit ihr. Es gebe auch andere, weshalb Siggi Larcher meint: „Wir müssen viel offener werden, toleranter.“ Die ganze Familie engagiert sich ehrenamtlich im nahen Flüchtlingsheim Mentlberg, in dem 65 Männer aus 15 Ländern leben. „Da sind Leute mit Topausbildung – alle zum Nichtstun verdammt.“

Bernhard Teißl-Mederer, Assistent im Dekanat Fügen-Jenbach, ist Vorstandsmitglied des Freundeskreises Flüchtlingsheim Landhaus St. Gertraudi. Ein Jahr nach der Gründung zählt der Verein mit eigener Facebook-Seite bereits 60 ehrenamtliche Mitglieder, die auf ganz unterschiedliche Weise helfen. Dass Leute auch ihre eigene Türe öffnen, ist für Teißl-Mederer etwas Besonderes. „Aber es gibt sie!“ Da sei etwa die Frau aus Jenbach, die einen Flüchtling aus Afghanistan regelrecht „adoptiert“ habe. Bevor der junge Mann eine eigene Wohnung fand, kam er bei ihr unter. Sie unterstützte ihn bei der Arbeitssuche und begleitete ihn auf dem schwierigen Weg durch die Behörden.

„Haben Flüchtlinge ihren positiven Asylbescheid, können sie noch vier Monate im Heim bleiben. Dann müssen sie ausziehen“, erzählt der Dekanatsassistent. „Aber sobald sie sich auf eine Wohnungsannonce melden und der Vermieter merkt, es handelt sich um eine ausländische Familie, fällt sofort der Hörer.“ Es brauche also Leute, die helfen, die „Begegnung stiften“. „So kann das Eis brechen.“ Eine alleinstehende Frau aus Breitenbach baut gerade ihr Haus um. Dabei entstehen zwei kleinere, voneinander getrennte Wohnbereiche – in eine wird eine Familie aus dem Irak einziehen.

Franziska Sprenger ist Psychologiestudentin und vertritt die Plattform „Flüchtlinge Willkommen“ (www.fluechtlinge-willkommen.at) in Innsbruck. Entstanden in Deutschland, gibt es diese Initiative nun auch in Österreich. Sieben Wohnungsvermittlungen kamen bisher zustande. In Innsbruck haben sich schon vier Wohnraumsuchende gemeldet, Angebote gibt es bisher keine. Die Plattform will Menschen mit freien Zimmern, aber auch Wohngemeinschaften ansprechen. „Ein Problem ist die Mietzinsbeihilfe für Studierende“, sagt Sprenger. Sie fällt weg, wenn in der WG nicht ausschließlich Studenten leben. „Flüchtlinge willkommen“ nimmt nun Gespräche auf, damit diese Regelung fällt.

In Tirol wendet sich das Land bei der Suche nach Privatwohnungen an die Caritas. Das wird auch so bleiben, wenn die Soziale Dienste GmbH die Aufgaben der Flüchtlingskoordination übernimmt. Und weil man diese große Aufgabe nicht alleine schaffe, würden auch andere Organisationen mit ins Boot geholt, so Caritasdirektor Georg Schärmer. „Es braucht viele Schultern!“

Flüchtlinge willkommen: Victoria Tipotsch, Franziska Sprenger und Susanne Meier (v. l.) suchen Wohnraum.
© Flüchtlinge willkommen

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