Geht die Queen eigentlich wählen? So läuft die britische Wahl

Das Wahlkampfgeplänkel ist vorbei, heute sind die Wähler am Wort. Aber warum sind Umfragen in Großbritannien so unzuverlässig? Fragen und Antworten zum britischen Wahlsystem.

Rein rechtlich dürfte auch Queen Elizabeth II. ihre Stimme in der britischen Wahl abgeben. Aber sie und ihre Familie (im Hintergrund Prinz Philipp) halten sich traditionell aus den Wahlen heraus.
© APA/EPA/ANDY RAIN

London - Seit Wochen tobt in Großbritannien der Wahlkampf, Umfragen erscheinen fast täglich - trotzdem wagt kaum einer, eine Prognose über den Ausgang der Parlamentswahl am 7. Mai abzugeben. Das liegt auch daran, dass das britische Wahlsystem überraschende Ergebnisse hervorbringen kann. Es gilt ein reines Mehrheitswahlrecht nach dem Motto „The winner takes it all“ - der Gewinner räumt alles ab. Ein Überblick über die wichtigsten Fragen.

Geht die Queen eigentlich wählen?

Das britische Wahlrecht hat zwar keine Klausel, die der Königin das Wahlrecht abspricht. Trotzdem gehen Queen Elizabeth II. und ihre Familie niemals wählen und kandidieren auch nicht. Denn Aufgabe der Monarchie ist es, im Vereinigten Königreich Kontinuität zu stiften und die Gesellschaft zu einen - das verträgt sich nicht mit Parteinahme.

In ihrer Rolle als Staatsoberhaupt muss die Monarchin außerdem politisch neutral bleiben. Sie hält sich auch aus internationalen Wahlen wie der Europawahl heraus. Übrigens hat die Queen auch keinen Pass. Da britische Pässe im Namen Ihrer Majestät ausgestellt sind, braucht die Majestät selbst keinen.

Warum wird an einem Donnerstag gewählt?

In Großbritannien wird traditionell donnerstags gewählt - und das schon seit 1935. Auch Regionalwahlen finden an Donnerstagen statt. Seit 2011 ist der Wochentag für landesweite Parlamentswahlen sogar gesetzlich festgelegt. Warum es ausgerechnet ein Donnerstag ist, weiß so genau niemand. Eine Theorie:Am Freitag bekamen die Arbeiter ihren Lohn - und danach gingen viele Wähler lieber in einen Pub als ins Wahllokal. Grund könnte auch sein, dass Donnerstag in vielen Städten Markttag war und Leute aus der Umgebung ohnehin in die Stadt kamen. Gemutmaßt wird außerdem, dass die neue Regierung sich übers Wochenende in Ruhe bilden sollte.

Wann gibt es erste Ergebnisse der Wahl?

Die Wahlbüros in den 650 Stimmbezirken öffnen um 7.00 Uhr (Ortszeit) und schließen erst um 22.00 Uhr (23.00 Uhr MESZ). Die Auszählung dauert die ganze Nacht, in einigen Bezirken geht es noch am Freitag weiter. Endergebnis: wohl erst am Freitagnachmittag.

Wie wird in Großbritannien gewählt?

Das Land ist in 650 Wahlkreise eingeteilt, so viele Sitze im Londoner Parlament sind zu vergeben. Abgeordnete werden nur die Kandidaten, die in ihrem Wahlkreis die meisten Stimmen haben - es gibt anders als in Deutschland keine Parteilisten. In Deutschland hat jeder Wähler eine Erststimme für Kandidaten im Wahlkreis und eine Zweitstimme für die Partei - die Briten haben nur eine Erststimme, mit der sie „ihren“ Abgeordneten direkt wählen. So kann es passieren, dass Parteivorsitzende oder Anwärter auf Ministerämter keinen Sitz im Parlament bekommen. Ein Wackelkandidat ist etwa der Chef der EU-feindlichen UKIP, Nigel Farage.

Ist das denn gerecht?

Darüber kann man streiten. Einerseits kann kein Kandidat über eine Liste ins Parlament einziehen, der überhaupt keine Rückendeckung bei den Wählern hat. Andererseits gehen Millionen Stimmen, die einen „Verlierer“ gewählt haben, verloren. Der Gesellschaft für Wahlreform (ERS) zufolge sind schon 56 Prozent der Sitze fest vergeben, da das Ergebnis in den Wahlkreisen ohnehin klar ist. Viele Menschen gingen deswegen gar nicht zur Wahl, weil „ihr“ Kandidat keine Chance habe und ihre Stimme auch seiner Partei nichts bringe. Allerdings haben die Briten es 2011 bei einem Referendum abgelehnt, das System zu ändern. Inzwischen sind 60Prozent für eine Reform.

Wem nutzt das Wahlsystem?

Profitieren können kleine Parteien, die regional stark sind. Etwa die schottische Nationalpartei SNP: In England, Wales und Nordirland tritt sie nicht an, in Schottland dürfte sie aber mehr als 50 der 59 Wahlkreise gewinnen. So wird die SNP wohl drittstärkste Kraft im Parlament, obwohl nur gut acht Prozent der Briten in Schottland leben. Einen Vorteil hat auch die Labour-Partei mit ihrer günstigen Stimmenbilanz. Wenn sie gewinnt, dann häufig knapp, wenn sie verliert, dann deutlich - damit würden weniger Stimmen für die Sozialdemokraten „verschwendet“ als bei den konservativen Tories, erklärt Sozialwissenschaftler Robert Ford von der Universität Manchester.

Kann man aus Wahl-Umfragen dann überhaupt Schlüsse ziehen?

Ein paar Prozent Vorsprung auf nationaler Ebene bedeuten wenig, weil es auf umkämpfte Wahlkreise („marginals“) ankommt. Das zeigen die Ergebnisse der letzten Parlamentswahlen: 2005 hatte Labour unter Tony Blair nicht mal drei Prozentpunkte Vorsprung, aber eine recht bequeme Parlamentsmehrheit. 2010 gewannen die Tories mit David Cameron deutlicher mit sieben Prozentpunkten Vorsprung - aber es fehlten ihnen 20 Sitze zur Mehrheit. Umfragen sind also mehr Stimmungsbild als Vorhersage. UKIP könnte mit zehn Prozent der Stimmen einen Sitz bekommen, die Liberalen mit 13 Prozent knapp 30 Sitze.

Und was heißt das nun konkret für diese Parlamentswahl?

Schwer zu sagen. Die Wahlforscher gehen davon aus, dass wie schon 2010 keine der beiden großen Parteien eine absolute Mehrheit der Sitze bekommt. Liegen die Tories vorn und es würde mit den Liberaldemokraten zusammen reichen, dürfte es weitergehen wie bisher. Sie könnten noch die DUP aus Nordirland ins Boot holen. Gewinnen die Sozialdemokraten oder haben die Tories Probleme, ein Bündnis zu schmieden, könnte Labour-Chef Ed Miliband das Ruder übernehmen und sich von der schottischen SNP dulden lassen, die auch sozialdemokratisch ist. Eine förmliche Koalition haben beide Seiten aber ausgeschlossen. (APA/dpa/tt.com)


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