Tiroler Landesmuseum zeigt das Alltagsleben im Ersten Weltkrieg

Da in Tirol der Erste Weltkrieg erst 1915 richtig begonnen hat, widmet das Tiroler Landesmuseum seine heurige große Sommerausstellung diesem blutigen Schlachten.

© APA/WOLFGANG LACKNER

Von Edith Schlocker

Innsbruck – Exakt an dem Tag, an dem vor 70 Jahren der Zweite Weltkrieg beendet worden ist, eine Ausstellung über den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 101 Jahren zu eröffnen, ist nicht wahnsinnig originell. Und das Argument von Museumsdirektor Wolfgang Meighörner, dass der Schau ein Jahr, nachdem praktisch jedes Museum landauf, landab dieses ersten großen Schlachtens im 20. Jahrhundert gedacht hat, größere Aufmerksamkeit zuteil wird, ist auch nicht wirklich gut. Etwas besser ist da schon jenes, dass die Front an der Tiroler Südgrenze erst 1915 mit der Kriegserklärung Italiens an Österreich eröffnet worden ist, was allerdings nicht bedeutet, dass nicht schon im ersten Kriegsjahr Tausende Tiroler an anderen Fronten ihr Leben verloren haben.

Aber das Ferdinandeum sei nun mal ein Regionalmuseum, verteidigt Meighörner das von Claudia Sporer-Heis erstellte Konzept der Schau. Die sich, um das Manko, etwas verschlafen zu haben, vergessen zu lassen, allerdings keinen originellen Ansatz hat einfallen lassen, um das historische Geschehen zu reflektieren. Sondern größtenteils aus dem Depot geholte Objekte in eigenartig fragmentarische Holzgerüste stellt, die mit viel Fantasie vielleicht als Ausdruck einer sich auflösenden Gesellschaftsordnung gedeutet werden könnten.

Der Einstieg ist allerdings idyllisch. Da steht etwa ein Fahrrad, das genauso alt ist wie eine Schreibmaschine und ein Telefon oder das Modell einer Lokomotive. Als Metaphern für ein damals modernes Land, für dessen aufkommenden Tourismus ein Plakat steht, auf dem eine noble Lady in langem Rock Ski fährt. Die Sterbebildchen für das 1914 in Sarajevo ermordete Thronfolgerehepaar genauso wie die für einige der rund 24.000 Tiroler Soldaten, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind, markieren das Ende dieser heilen Welt.

Jeder dieser Toten ist als Punkt auf der Rückseite einer riesigen Medienwand verewigt, die zeigen soll, dass der Erste Weltkrieg der erste war, der auch mit Medien geführt wurde. Auch mit den Innsbrucker Nachrichten, die etwa in den kritischen Tagen vor der Kriegserklärung Österreichs an Serbien bis zu acht Extraausgaben täglich druckten und die Schlagzeilen als frühe Form des heutigen Public Viewing auf die Fassade ihres Medienhauses in der Erlerstraße projizierten.

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Im zweiten Teil der Schau menschelt es. Gibt es Postkarten und Briefe zu lesen, die Soldaten aus dem Feld in die Heimat geschickt haben. Gelegt in Vitrinen, deren pastellig rosa Auskleidung angesichts der inhaltlichen Problematik unangenehm berührt. Wie auch jene Objekte, in denen etwa der dichtende Priester Bruder Willram oder diverse Kriegsmaler voll Pathos Propaganda für den Krieg machen. Auch Albin Egger-Lienz, der 1918 allerdings mit seinem „Finale“ das Antikriegsbild schlechthin malen sollte.

Diese eindrucksvolle Metapher für den zeitlos gültigen Wahnsinn jedes Kriegs markiert den Endpunkt der Schau. Davor muss der im Idealfall mit einem beim Eingang in mehreren Sprachen erhältlichen Medienguide „bewaffnete“ Besucher aber noch an allerhand Martialischem vorbei. An Kriegsgerät genauso wie an einem virtuellen „Berg“, auf den sich Soldaten an der Tiroler Südfront mühsam kämpfen, aber auch an der Uhr oder Zigarettendose eines unbekannten Soldaten. Genauso wie an Rosenkränzen und rührend naiv gebastelten Schmuckstücken, mit deren Herstellung sich die Männer die Zeit im zermürbenden Stellungskrieg vertrieben haben.

Aus dem Kaiserjägermuseum wurden aber auch kleine Statuetten tapferer Soldaten und ein skurriler „Ritter“ übersiedelt, dessen „Rüstung“ aus unzähligen Nägeln besteht. Jeder von ihnen steht für eine Spende für die zunehmend leere Kriegskasse durch die Bevölkerung. Die auch ihr Gold für Eisen gaben und dabei hungerten und froren. Lebensmittelkarten symbolisieren diesen Mangel während des Ersten Weltkriegs, ein aus Papier geschneiderter Mantel oder aus Kartoffelschalen gemahlenes „Mehl“ den Erfindungsreichtum der Frauen.

Der Erste Weltkrieg ist inzwischen aber auch schon ein Thema der Archäologen. Die an der Südfront Zahnbürsten genauso wie Strohschuhe, Gasmasken und Patronengurte ausgegraben haben.


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