Befreiung und Befreiung

Zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Unterzeichnung des Staatsvertrags. Die Geschichte ist kein glatter Ablauf – erst recht nicht die Geschichte Österreichs im 20. Jahrhundert.

Der Balkon, das Schloss, der Staatsvertrag. Ein Symbolbild der Zweiten Republik.
© APA

Von Anton Pelinka

Am 21. Dezember 1945 gab der am Vortag zum Bundeskanzler bestellte Leopold Figl vor dem am 25. November gewählten österreichischen Nationalrat seine Regierungserklärung ab. Figl dankte dabei ausdrücklich den Alliierten für die Befreiung Österreichs. Befreiung – von wem?

Am 15. Mai 1955 rief derselbe Leopold Figl, inzwischen Außenminister, nach Unterzeichnung des Staatsvertrages im Marmorsaal des Schlosses Belvedere: „Österreich ist frei!“ Frei – von wem?

Zur Person

Anton Pelinka, langjähriger Innsbrucker Institutsleiter, ist Professor für Politikwissenschaft an der European University in Budapest.

anton.pelinka@uibk.ac.at

Das alles ist jetzt sieben bzw. sechs Jahrzehnte Vergangenheit. Die runden Jahrestage sind Anlass für Gedenkveranstaltungen. Aber die Konturen dieser Ereignisse verschwimmen. An welche Befreiung sollen die gesprengten Ketten erinnern, die der Bundesadler in seinen Fängen hat? Wie viele Jahre standen fremde Truppen auf österreichischem Boden? Wer sind die wahren Opfer dieser Zeit?

Adolf Schärf hat seinen Erinnerungen den Titel „Von der Befreiung zur Freiheit“ gegeben. 1945, das war das Jahr der Befreiung – von der Herrschaft des nationalsozialistischen Deutschland. 1945 führte zur Wiederherstellung der Demokratie in einem unabhängigen Österreich. 1955 war das Jahr der Wiederherstellung österreichischer Souveränität, weil der Staatsvertrag zum Abzug des Militärs der Befreier/Besetzer führte.

Ende der Demokratie

Wann Österreichs Unabhängigkeit verloren ging, scheint klar zu sein: Am 12. März 1938, als deutsche Truppen unter dem Jubel eines erheblichen Teils der Bevölkerung in Österreich einmarschierten. Aber wann ging die Demokratie verloren? 1933 oder 1934? Und handelte es sich 1945 wirklich um die Wiederherstellung der Demokratie, als Hunderttausende vom Wahlrecht ausgeschlossen wurden – weil sie Mitglieder der NSDAP waren? Und wie unabhängig war Österreich zwischen 1945 und 1955, als die Alliierten den Handlungsspielraum von Nationalrat und Bundesregierung einschränkten?

Die Geschichte ist kein glatter Ablauf – und erst recht nicht die Geschichte Österreichs im 20. Jahrhundert. Die Wahrnehmung der Geschichte ist immer auch subjektiv. Die Österreicherinnen und Österreicher, die im März 1938 jubelten, waren nicht unbedingt die, die im Frühjahr 1945 die Truppen der Alliierten mit Freude und Erleichterung willkommen hießen. War für die einen 1945 das Jahr einer Niederlage, so bedeutete für die anderen dieses Jahr das Abschütteln einer Fremdherrschaft.

Die Erinnerung an das Jahr 1945 spaltet. Die Wahrnehmung des Kriegsendes und dessen Folgen waren und sind in Österreich höchst unterschiedlich, ja gegensätzlich. Anders 1955: Da konnten alle jubeln, die „Ehemaligen“ und deren Opfer. Am 15. Mai 1955 war der Jubel vor dem Belvedere ein Signal dessen, was alle politischen Kräfte in Österreich verband. Während 1945 Täter und Opfer durch einen tiefen Graben getrennt waren, war dieser Graben 1955 zugeschüttet – zumindest für wenige Stunden. Der Staatsvertrag, der diesen Jubel auslöste, war ein Zeichen dafür, wie weit die Nationswerdung Österreichs schon vorangeschritten war.

Glück und Chance

Und doch: Kein Zweifel kann daran bestehen, dass 1955 eine Folge der Weichenstellungen von 1945 war. Die Alliierten behandelten Österreich anders als Deutschland. Dieses hatte bis 1949 keine Regierung. Österreich hatte schon eine Regierung, als das Deutsche Reich am 8. Mai 1945 bedingungslos kapitulierte. Und während sich Deutschland unter dem Einfluss des Kalten Krieges auseinanderentwickelte, stand eine Teilung Österreichs in einen West- und einen Oststaat nie ernsthaft zur Debatte. 1945 und danach hatte Österreich unverschämtes Glück.

Als 1953 Josef Stalin starb und bald darauf die UdSSR vorsichtig Entspannung signalisierte, führte das nicht zur Lösung des europäischen Primärkonflikts, sehr wohl aber zu einer Lösung eines Sekundärkonfliktes. In der Deutschlandfrage war eine Ost-West-Einigung nicht möglich, in der Österreichfrage sehr wohl. Der Staatsvertrag, dessen Abschluss der Ost-West-Gegensatz Jahre hindurch verhindert hatte, war plötzlich in Griffnähe. Und Österreich griff nach dem, was ihm weltpolitisch angeboten wurde.

Es lag nicht primär an politischem Geschick, dass die Entwicklung nach 1945 Österreich begünstigte – politisch und wirtschaftlich. Österreichs Regierende ergriffen eine Chance, die ihnen in den Schoß gefallen war. Und auch 1955: Julius Raab und Adolf Schärf, Leopold Figl und Bruno Kreisky hatten rasch erfasst, dass die neue außenpolitische Orientierung der Sowjetunion ein „window of opportunity“ war. Und sie nützten es, bevor es wieder geschlossen werden konnte.

Das Verhalten der österreichischen Regierung – vertreten durch Figl – war höchst rational, 1945 wie auch 1955. Doch das ändert nichts an den höchst emotionalen Befindlichkeiten in der österreichischen Gesellschaft. Dass es bis ins 21. Jahrhundert brauchte, bevor das offizielle Österreich gegen erheblichen Widerstand sich zu einer Anerkennung der mutig im Interesse Österreichs handelnden Deserteure durchringen konnte, spricht für diese Gefühlswelt.

Brüchige Harmonie

Die Österreicher in der deutschen Wehrmacht haben für das falsche Ziel, in der falschen Uniform, am falschen Ort gekämpft. Dort, wo – wie in der großen Mehrzahl der Fälle – dies die Folge eines totalitären Zwanges war, war und ist das individuell nicht vorwerfbar. Aber heute sollte klar sein, dass die Wehrmacht gegen die Interessen eines demokratischen und unabhängigen Österreich Krieg führte; und dass daher alles, was die deutsche Kriegsführung schwächte, im Interesse Österreichs lag.

Doch das zu akzeptieren fällt vielen schwer. Das ist verständlich: Der vage Begriff der Kameradschaft, der zunächst nicht den Befreiern und auch nicht den Deserteuren, sondern den Unterdrückern galt, machte und macht es schwer, die objektive Realität des Jahres 1945 zu akzeptieren. Es ist die Gefühlswelt, die – mit ideologischen Restbeständen (wie dem Deutschnationalismus) – einer rationalen Einsicht entgegensteht. Kameradschaft bezieht sich noch immer kaum auf die Soldaten der Mächte, die auch für die Befreiung Österreichs kämpften; auch nicht auf den österreichischen Widerstand, auch nicht auf die Deserteure, sondern auf die, deren Erzählungen von Stalingrad und dem U-Boot-Krieg nur zu oft romantisch verklärt waren.

Da war es 1955 schon einfacher. Im Garten vor dem Belvedere konnten sie alle jubeln. Da war die Gefühlswelt ein verbindender Faktor. Die Befreier, die für viele in erster Linie Besetzer waren, zogen ab; mit freundlichen Gesten, wie die vom Balkon winkenden Außenminister der Befreier/Besetzer. Alle waren an diesem Tag in Harmonie vereinigt.

Das war freilich nur eine punktuelle Harmonie, hinter der die kaum thematisierten Probleme der Ursachen für den Jubel vom März 1938 ebenso standen wie die Rolle der schwer belasteten ehemaligen Nationalsozialisten. Die hohen NS-Funktionäre und SS-Offiziere waren nun alle wieder da, aus den Lagern der Alliierten entlassen, sie hatten ihr Wahlrecht zurückbekommen und gingen daran, die FPÖ zu gründen.

Diese Harmonie war brüchig. Und sie brach auf – als Simon Wiesenthal Friedrich Peters SS-Vergangenheit ins Licht der Öffentlichkeit brachte; als sich Österreich den Ruf erwarb, anders als Deutschland den Nationalsozialismus nicht „bewältigt“, sondern „verdrängt“ zu haben; als Kurt Waldheims Rolle als Offizier der Wehrmacht diskutiert wurde; und als Franz Vranitzky und Thomas Klestil endlich die richtigen Worte von Österreichs Mitverantwortung fanden.


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