Pflichtpraktikum: Eine Pflicht ohne Recht

Rund 2500 Tiroler Schüler müssen Jahr für Jahr in den Sommerferien ihr Pflichtpraktikum absolvieren. Die erfolgreiche Suche nach Betrieben, die eine solche Erfahrung möglich machen, ist vom Schultyp abhängig.

Symbolbild.
© Keystone

Innsbruck –„Ohne Kontakte ist es brutal schwer“, sagt Sophia Keck aus Perisau. Ihr Pflichtpraktikum wird die 17-Jährige in einer Innsbrucker Werbeagentur machen können. „Weil mein Papa in der Branche arbeitet, war für mich die Suche nicht ganz so schwierig wie für andere aus meiner Klasse“, gibt sie offen zu. So wie Sophia Keck – sie ist Schülerin des Ausbildungszweiges Kommunikations- und Mediendesign an der Ferrarischule in Innsbruck – werden knapp 2500 Tiroler Schüler die Sommerferien damit verbringen, ihr facheinschlägiges Pflichtpraktikum zu absolvieren, das Teil der Schulausbildung und im Lehrplan verankert ist. „Schüler haben zwar die Pflicht, eine Praktikumsstelle anzutreten, aber keineswegs ein bei den Betrieben einlösbares Recht darauf“, sagt AK-Experte Peter Schumacher, Leiter der Jugendabteilung. Und das mache die Suche oft sehr schwierig.

Der Sinn eines Pflichtpraktikums ist: „Schüler sollen die in der Schule erworbenen Sachkompetenzen in der Berufsrealität umsetzen können und einen umfassenden Einblick in die Organisation von Betrieben gewinnen“, sagt Bernhard Deflorian vom Landesschulrat für Tirol. „Weiters sollen Schüler sich gegenüber Vorgesetzten sowie Mitarbeitern freundlich, korrekt, selbstsicher und effizient verhalten lernen und aus der Zusammenschau der Unterrichts- und Praxiserfahrung eine positive Grundhaltung zum Arbeitsleben insgesamt und zum konkreten beruflichen Umfeld im Besonderen gewinnen“, führt Deflorian die Sinn-Definition fort.

„Die meisten meiner Schützlinge machen oft vier Praktika, obwohl sie so viele gar nicht machen müssten“, berichtet Martin Schmidt-Baldassari, Direktor der Höheren Technischen Bundeslehranstalt Fulpmes (HTL Fulpmes). An seiner Schule sei es schon eine lange und gewachsene Tradition und zur Kultur geworden, dass es enge Verbindungen zwischen Schule und Wirtschaft gibt. „Am Schulanfang zum Beispiel haben wir die komplette Schule leer gemacht und alle Schüler für zwei Tage in unterschiedliche Betriebe geschickt“, sagt der Schulleiter der HTL Fulpmes. Durch diese Kontakte hätten seine Schüler nie Probleme, einen passenden Pflichtpraktikumsplatz zu bekommen, ganz im Gegenteil. „Eine Münchner Firma wollte letztes Jahr sogar einen Buben vom Fleck weg haben und hatte ihm sogar angeraten, die Schule gar nicht mehr zu beenden“, berichtet Schmidt-Baldassari.

Die meisten Tiroler Schüler versuchen, einen Pflichtpraktikumsplatz in der Nähe ihres Wohnortes oder im Heimatbezirk zu ergattern. Allerdings gibt es auch einen anderen Trend, denn die Zahl jener Schüler, die ihr Pflichtpraktikum im Ausland absolvieren wollen, um auch sprachlich und landeskulturell dazuzulernen, nimmt stetig zu, berichtet Manfred Jordan, Direktor der Ferrarischule in Innsbruck.

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Ein Aspekt im Zusammenhang mit dem Thema Pflichtpraktikum ist nicht zu unterschätzen: Es ist die altersbedingte eingeschränkte Mobilität der Jugendlichen, wie eine betroffene Mutter berichtet. Ihre Tochter besucht die Chemie-HTL in Kramsach und für sie gebe es an sich genügend Betriebe, die äußerst interessante und tolle facheinschlägige Pflichtpraktikastellen anbieten würden. „Aber es ist für uns extrem kompliziert zu organisieren“, erzählt die Unterländerin, die kein Auto fährt und deren Tochter auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist.

Für Eltern ist die Zeit, in der ihr Kind das Pflichtpraktikum absolvieren muss, oft eine echte Herausforderung. „Eltern sollen bei anfänglichen Schwierigkeiten nicht sofort eingreifen und nicht wegen Kleinigkeiten sofort im Namen ihrer Kinder auf den Plan treten“, legt Direktor Manfred Jordan Eltern ans Herz. Diese sollten auf die Selbstlösungskraft ihrer Kinder vertrauen und sie dabei unterstützen. „Eltern sollen ein Praktikum als eine wichtige Erfahrung in der Persönlichkeitsbildung sehen und als Raum begreifen, in dem Jugendliche Belastungen und Herausforderungen meistern lernen. Selbstverantwortung, Selbstorganisation und Selbstständigkeit, Arbeitsalltag und Erfolge erfahren und üben können“, sagt Schulleiter Manfred Jordan.

Er, wie auch sein Kollege Direktor Stefan Walch von der HTL Imst, haben aber auch einen Wunsch an die heimischen Betriebe: Praktikanten sollten ihren Kompetenzen entsprechend eingesetzt werden, um einen Einblick in Betriebsstruktur und betriebliche Abläufe zu erhalten. „Wenn junge Menschen selbst Hand anlegen dürfen oder mit einem Projekt betraut werden, dann können sie durch dieses entgegengebrachte Vertrauen wachsen und unheimlich viel lernen und mitnehmen“, sagt HTL-Imst-Direktor Walch.

„Das werde ich bestimmt auch“, sagt Sophia Keck, die sich schon sehr auf ihr Praktikum freut, den Vorstellungstermin allerdings erst noch vor sich hat. (maba)


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