Fest in der Hand der Bürokratie

Sicherheit, Jugendschutz, Steuerfragen, jetzt die Allergenverordnung. Wer in Tirol ein Fest organisiert, muss vieles beachten. Für viele Vereine ist das Maß jetzt endgültig voll.

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Von Marco Witting

Innsbruck –Die Maß ist voll. Das Maß aber auch. Zumindest für viele Tiroler Feuerwehren, Sportvereine, Musikkapellen oder Schützenkompanien, die in ihren Gemeinden Feste organisieren. Man ist, vorsichtig formuliert, extrem genervt von den Vorschriften. Wieder sei ihnen jetzt eingeschenkt worden. Dieses Mal die Allergenverordnung. Der vorerst letzte Höhepunkt im Bürokratiemarathon – wie die Vereine finden. Anders sieht das so mancher Gastronomiebetrieb: Endlich würde der Ausschank bei Vereinen gleich behandelt wie jener in der Gaststube.

Sicherheitskonzepte, Registrierkassen, Jugendschutzbestimmungen, jetzt Allergenverordnung. Christoph Emmerling vom SV Prutz kennt sich aus. Seit 20 Jahren organisiert er in seinem Team das Fußball-Pfingstturnier samt Zeltfest im Ort mit Tausenden Besuchern. 250 Freiwillige sind dabei mehrere Tage lang im Einsatz. „Es wird immer schwieriger, ein Fest zu organisieren“, sagt er. Immer weniger Geld würde durch behördliche Vorgaben übrig bleiben, dafür trage man das gesamte Risiko. Zelt, Security, Getränke, Essen, die Bands. Zwischen 50.000 und 70.000 Euro Fixkosten sind für ein mehrtägiges Zeltfest zu rechnen. Die erst einmal einzubringen sind. Wenn am Ende 15.000 Euro für den Verein übrig bleiben, so rechnen Vereinsverantwortliche vor, sei man schon sehr zufrieden. Geld, das dann in die Jugendabteilungen geht oder für dringend notwendige Anschaffungen verwendet wird. „Mit einem Wald- und Wiesenfest kann man auch gleich einmal ein paar tausend Euro lukrieren, wenn man das gut macht“, sagt Emmerling. Der Aufwand bei einem großen Fest stehe nicht im Verhältnis zum Einsatz, sagt der Prutzer. Aber: Ein derartiges Ereignis sei natürlich auch sehr wichtig für die Dorfgemeinschaft. Hätte man solche Feste nicht, das erklären mehrere Vereine im ganzen Land, müsste man bei Land oder Gemeinde um Förderungen ansuchen.

Warum tut man sich so etwas trotzdem an? „Wenn am Sonntag das Zelt voll ist, die Leute auf den Tischen tanzen, dann freut man sich“, sagt Emmerling. Ansonsten gebe es zahlreiche Dinge, die „absolut mühsam“ sind. Etwa, wenn man sich mit der Finanzbehörde herumschlagen müsse, weil für Bands aus dem Ausland eine eigene Steuer anfalle. Und Emmerling sieht ein Horrorszenario: „Wir haben schon überall Registrierkassen. Wenn wir solche aber auch noch im Barbereich brauchen würden, dann geht gar nichts mehr.“

Ortswechsel. „Immer schwieriger“ sei es, ein Fest zu organisieren, sagt Thomas Friedl, Kommandant der Imster Feuerwehr. Für das Fest im heurigen Sommer müssen natürlich, so will es das Gesetz seit einigen Monaten, die Allergene ausgewiesen werden. „Wie und was wir da alles machen müssen, weiß ich ehrlich gesagt noch gar nicht“, gibt er offen zu. Fest steht aber: „Die Einnahmen aus den Festen brauchen wir.“ Bei einer Mannschaft von 120, 130 Leuten müsse auch etwas für die Kameradschaft getan werden. Schließlich sei eine Feuerwehr 365 Tage, 24 Stunden in Bereitschaft. Früher gab es das Fest beim Feuerwehrhaus. Bereits letztes Jahr wich man dann in den Glenthof in Imst aus. „Um den Aufwand zu verringern“, wie der Kommandant erklärt. Nachsatz: „Es wird einfach immer noch mühsamer.“

Robert Pramstrahler hat als Bürgermeister in Zell am Ziller gerade eines der größten Feste des Landes, das Gauder Fest, mitabgewickelt. Als langjähriger Obmann der Musikkapelle kennt er auch die andere Seite. Und er meint: „Einfacher wird es nicht.“ Aber die Vereine würden gut daran tun, sich genau an die Vorgaben zu halten. Denn: „Wir leben in einer Gesellschaft, in der es immer einen Schuldigen braucht.“ Vereins­obleute würden einiges riskieren, wenn sie sich nicht an die gesetzlichen Regeln halten. Auch deshalb wurden die 15 Vereine in Zell vor dem Gauderfest geschult. Pramstrahler: „Wenn es mit den Vorschriften so weitergeht, dann laufen wir Gefahr, dass sich die Freiwilligkeit bei den Vereinen aufhört.“

Im Zillertal hat man in der Vergangenheit auch andere Erfahrungen gemacht. Gleich mehreren Vereinen flatterte nach Musik-Open-Airs, die man ausgerichtet hat, eine Nachzahlungsaufforderung in fünfstelliger Höhe seitens des Finanzamts ins Haus. Die Vereine sahen die Rechtslage anders – und beriefen dagegen. Knackpunkt dabei waren Freibetragssätze für die Bemessung des Steueranfalls. Die Verfahren dazu sind dem Vernehmen nach noch immer nicht abgeschlossen.

Vereine aus mehreren Unterländer Städten machten zuletzt ihre eigenen Erfahrungen und mussten nach Christkindlmärkten sogar ein Gewerbe anmelden. Dem vorausgegangen dürften unter anderem auch einige Eifersüchteleien sein – teilweise auch von den Vereinen selbst aufgebracht. Nachdem die Vereine auf den Märkten über drei Tage einen Ausschank betrieben, war eine Gewerbeanmeldung unumgänglich, inklusive Befähigungsnachweis. Die allermeisten Vereine bissen in den sauren Apfel und meldeten das Gewerbe an – auf Zeit zumindest.

„Wenn für die Vereine alles auf Punkt und Komma gesetzlich ausgelegt werden würde, wäre die Sache noch schlimmer“, sagt ein Wirtschaftsvertreter. Dass einige Wirte mit früheren Praktiken rund um die Feste wenig Freude hatten und gleiches Recht für all­e forderten, ist kein Geheimnis.

Vom Sicherheitskonzept zur Allergenverordnung: Vorschriften, Regeln und Zuständigkeiten

Für Veranstaltungen ist der Bürgermeister im Ort erster Ansprechpartner für die Vereine. Bei Veranstaltungen, zu denen mehr als 1000 Besucher oder Teilnehmer erwartet werden, ist ein sicherheits- und rettungstechnisches Konzept notwendig. „Der Aufwand dafür wurde in den vergangenen Jahren sicher deutlich größer“, sagt Wolfgang Löderle, in der Bezirkshauptmannschaft Schwaz für Sicherheit zuständig. Das Unglück am Bergisel 1999 sei in dieser Beziehung eine richtige Zäsur in Tirol gewesen. Schwierig sei es bei Veranstaltungen, die über Jahre gewachsen sind. Hier fehle dann oft das Verständnis der Ausrichter für Maßnahmen, die es in der Vergangenheit nicht gebraucht habe, sagt Löderle.

Unterschiede: „Natürlich macht es einen Unterschied von unserer Betrachtung, ob wir eine polizeiliche Überwachung vorschreiben, ob es ein Konzert einer Hard-Rock-Band oder einer Volksmusikgruppe ist“, sagt Löderle. Die Bezirkshauptmannschaft ist auch dann zuständig, wenn die Veranstaltung (natürlich auch Sportveranstaltungen) über zwei Gemeinden geht.

Sicherheit: Löderle erklärt aber auch, dass diese Konzepte keine Schikane für die Vereine seien. „Natürlich schafft man hier auch ein Mehr an Sicherheit. Wenn man sich manche Veranstaltung früher angesehen hat, dann sind einem schon manchmal die Haare zu Berge gestanden“, erklärt der stellvertretende Bezirkshauptmann.

Allergene: Die Allergenverordnung der EU hat etliche Gastronomen beschäftigt und genervt. Auch bei den Festen wird sie schlagend. Mit einer kleinen, aber nicht unwichtigen Ausnahme. Seitens des Gesundheitsministeriums heißt es auf Anfrage: „Für Feuerwehrfeste und Feste von gemeinnützigen Vereinen gilt, dass jene Lebensmittel, die von Privatpersonen zu Hause hergestellt und vor Ort verkauft werden (verstanden werden darunter v. a. Mehlspeisen und Aufstriche), von der Ausnahme umfasst sind.“ Wirte in Ostösterreich hatten auch dagegen protestiert, die Rede war von „exzessiven Feiern“ und einer regelrechten Schattenwirtschaft. Der Vorwurf dort: Es werde am Beginn des Frühjahrs ein Zelt aufgestellt und die Wirtschaft geschädigt.


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