Bilfinger steht vor harter Sanierung der Energiesparte

Mannheim (APA/Reuters) - Der verlustgeplagte deutsche Bau- und Dienstleistungskonzern Bilfinger hat eine Rosskur vor sich. Der Konzern stehe...

Mannheim (APA/Reuters) - Der verlustgeplagte deutsche Bau- und Dienstleistungskonzern Bilfinger hat eine Rosskur vor sich. Der Konzern stehe vor einer umfassenden Restrukturierung und Neuausrichtung einiger Bereiche, sagte der neue Aufsichtsratschef Eckhard Cordes am Donnerstag auf der Hauptversammlung in Mannheim. „Denkhürden und Tabus wird es nicht geben.“

Vor weiteren Einschnitten steht vor allem das Geschäftsfeld Power, der Hauptkrisenherd des Mannheimer Traditionsunternehmens. Die einst gewinnträchtige Sparte brockte Bilfinger 2014 den ersten Nettoverlust seit 1998 ein.

Der scheidende Übergangschef Herbert Bodner deutete an, wie tiefgreifend die Sanierung ausfallen könnte. Entscheidungen werden aber erst unter dem im Juni antretenden neuen Vorstandschef Per Utnegaard fallen. Möglich sei die Schließung oder Zusammenlegung von Standorten sowie der Verkauf von Teilen des Geschäftsfeldes, in dem 11.500 der weltweit 69.000 Beschäftigten von Bilfinger arbeiten, sagte Bodner. Arbeitnehmervertreter befürchten einen weiteren Abbau über die schon angekündigten 370 Stellen hinaus und fordern eine Perspektive. „Was jetzt kommt, geht an die Substanz“, hieß es im Arbeitnehmerlager. Bodner zufolge müssen vor allem die deutschen Standorte mit ihren insgesamt 3.700 Mitarbeitern daraufhin überprüft werden, ob sie sich noch lohnen, denn im Inland ist das Kraftwerksgeschäft mit der Energiewende am stärksten eingebrochen. Bodner erklärte, weitere Abschreibungen seien nicht auszuschließen.

Utnegaard nahm an der Hauptversammlung als Gast teil. Der Norweger hat seinen Vorstandsposten beim Schweizer Flughafendienstleister Swissport aufgegeben, um bei Bilfinger als oberster Krisenmanager anzutreten. Das sei mit erheblichen finanziellen Einbußen verbunden, sagte Aufsichtsratschef Eckhard Cordes. Deshalb sei dem Norweger ein Bonus für 2015 schon garantiert. „Ich freue mich, es gibt viel zu tun“, sagte Utnegaard am Rande des Aktionärstreffens.

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Die Versammlung wurde zu einem Scherbengericht und einer Aufarbeitung der Krise, die mit dem Abtritt von Roland Koch im August einen ersten Höhepunkt erreicht hatte. Der frühere hessische Ministerpräsident nahm seinen Hut, als er die zweite Gewinnwarnung in Folge aussprechen musste. Seither hat der Hauptaktionär Cevian, ein Finanzinvestor aus Schweden, seinen Anteil erhöht und mit Cordes als zweitem Vertreter im Aufsichtsrat das Ruder an sich gerissen.

Binnen eines Jahres musste der Vorstand seine Prognosen schon fünf Mal senken. Der früher als grundsolide geltende Bilfinger-Konzern verspielte das Vertrauen der Anleger, der Aktienkurs halbierte sich. Aktionärsvertreter lasen den Managern die Leviten. Die Misere sei nicht nur mit der schwachen Marktentwicklung zu erklären, vielmehr gebe es auch interne strukturelle Ursachen, sagte Markus Kienle von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Das Spitzenmanagement habe offenbar nicht mehr mitbekommen, was im operativen Geschäft gelaufen sei, vermutete Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. „Hier muss einmal durchgepflügt werden, Sie brauchen eine ganz neue Unternehmenskultur“, sagte er.

Sauer stieß den Aktionären auch auf, dass Koch neben der Vergütung von 2,2 Mio. Euro für das vergangene Jahr 1,3 Mio. Euro Abfindung erhielt und noch weitere Ansprüche hat. Doch sei eine Abberufung oder ein Widerruf der Bestellung Kochs nach Meinung von Juristen nicht möglich gewesen, rechtfertigte Cordes die Zahlungen. „Wir sind Pfennigfuchser, aber wenn es nicht geht, geht es halt nicht.“

~ ISIN DE0005909006 WEB http://www.bilfinger.com/ ~ APA499 2015-05-07/16:29


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