56. Kunstbiennale: Deutschlands Pavillon als eine imaginäre Fabrik

Venedig (APA/dpa) - Deutschland hat geschlossen. Der Eingang zum Deutschen Pavillon bei der Kunstbiennale in Venedig ist verrammelt. Und erz...

Venedig (APA/dpa) - Deutschland hat geschlossen. Der Eingang zum Deutschen Pavillon bei der Kunstbiennale in Venedig ist verrammelt. Und erzählt so schon viel von dem, was im Inneren verhandelt wird. Es geht um Flüchtlinge und ihre Heimatlosigkeit, um Arbeiter und den Verlust ihrer Fabrik, um die Allmacht der Medien und unser Ausgeliefertsein.

Die Besucher müssen durch einen kleinen Nebeneingang eine steile Betontreppe erklimmen, ehe sie einen ersten Blick in den von Kurator Florian Ebner gestalteten Pavillon werfen können. Der 44-jährige Regensburger, Leiter der Fotografischen Sammlung beim Museum Folkwang in Essen, hat den wegen seiner Nazi-Architektur viel gescholtenen Bau in eine imaginäre Fabrik verwandelt.

Das Schlechte gleich vorweg: Die eingezogene Zwischendecke, aus den Resten des Kanzler-Bungalows von der Architektur-Biennale im vergangenen Jahr recycelt, mag dem mehr als zehn Meter hohen Raum zwar sein imperiales Gehabe nehmen. Die vier künstlerischen Positionen aber, die laut Ebner doch etwas gemeinsames Neues ergeben sollten, wirken dadurch wie in einzelne Schubladen gesperrt. Deutsche Ordnung.

Trotzdem sind die Arbeiten auch für sich in ihrer Radikalität und Unbedingtheit überzeugend. War es früher meist ein einzelner Künstler, der Deutschlands Visitenkarte in Venedig abgab, hat sich Fotoexperte Ebner entschieden, ein Quintett von Medienkünstlern auf die Suche nach der Bedeutung des Bildes im digitalen Zeitalter zu schicken. „Es ist eine Fabrik der produzierenden Bilder, die die Wirklichkeit nicht mehr nur wiedergeben, sondern verändern will“, sagte er bei der Eröffnung am Donnerstag, zwei Tage vor dem offiziellen Beginn der Biennale.

Das in Kairo lebende Künstlerpaar Jasmina Metwaly (32) und Philip Rizk (33) löst diesen Anspruch nachdrücklich ein. Sie aus Polen, er aus Zypern, waren die beiden schon im Ägyptischen Frühling als Blogger aktiv. Im Seitenraum des Pavillons zeigen sie das Video „Out on the Street“, das in Zusammenarbeit mit ägyptischen Arbeitslosen entstand. Auf dem Dach eines verlassenen Hochhauses in Kairo hatten die Männer die Abwicklung ihrer Fabrik als zeitkritisches Bühnenstück nachgespielt. „Das war doch unser Platz, unser Zuhause“, sagt einer verzweifelt.

Nebenan im neuen ersten Stock findet sich Tobias Zielonys Arbeit mit dem programmatischen Titel „The Citizen“ (Der Bürger). Der 41-jährige Berliner Künstler, bekannt für seine Fotoarbeiten mit jugendlichen Randgruppen und Gangs, erzählt in seinen großformatigen Bildern von afrikanischen Flüchtlingen, die in Deutschland um Respekt und Anerkennung kämpfen. Gleichsam als Spiegel gibt es dazu große Schaukästen mit afrikanischen Zeitungen, in denen sich dortige Autoren und Journalisten auf Bitten des Künstlers mit seinen Fotografien auseinandersetzen.

Den Höhepunkt der Ausstellung liefert zweifellos Hito Steyerl (48) im neuen Keller mit ihrer Videoinstallation „Factory of the Sun“. Auch wenn ihr Erläuterungstext etwas verkopft klingt - der Zuschauer kann sich in dem nachtschwarzen, neonrautierten Raum einfach einen der Strandstühle oder Sonnenliegen nehmen und sich voll der Faszination der Geschichte hingeben.

In dem vermeintlichen Videogame übersetzt Steyerl mit rasanten Schnitten und harten Rhythmen echte Menschen in digitales Licht. Die NSA ist allgegenwärtig, Drohnen der Deutschen Bank beschießen Demonstranten und als Widerstand bleibt den goldschimmernden Protagonisten nur der Tanz. Irgendwann wird in Flimmerschrift eingeblendet: „Das ist kein Spiel, das ist Realität.“

Nur wer sich beim Verlassen des Hauses noch einmal umdreht, kann auf dem Dach mit einigem Glück einen der rätselhaften Arbeiter sichten, die der Berliner Künstler Olaf Nicolai (52) für sein Werk „Giro“ dort postiert hat. Während der fast sieben Monate der Biennale halten sich dort jeweils drei Personen auf, die Bumerangs herstellen und bloß gelegentlich bei Wurfübungen zu sehen sind.

„Es geht um das Verhältnis von Sichtbarem und Unsichtbarem, von Dokumentation und Imagination“, sagt Nicolai. Und es geht mit dem Dach natürlich auch um die Vision von Freiheit, wie könnte das bei diesem Pavillon anders sein.


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