Ukraine: Illitschiwsk und sein großes Lenin-Problem

Illitschiwsk/Odessa (APA) - Ein vom ukrainischen Parlament beschlossenes Gesetz könnte nicht nur eine goldfarbene Lenin-Statue zu Fall bring...

Illitschiwsk/Odessa (APA) - Ein vom ukrainischen Parlament beschlossenes Gesetz könnte nicht nur eine goldfarbene Lenin-Statue zu Fall bringen. Sie bedroht auch den Ortsnamen der Hafenstadt lllitschiwsk. Lokalpolitiker wollen nun mithilfe des Propheten Elias eine Umbenennung verhindern.

Sollte Präsident Petro Poroschenko jenes Gesetz unterzeichnen, das ein Verbot von totalitären Symbolen und Ortsnamen vorsieht, hat das südukrainische Illitschiwsk ein großes Lenin-Problem. Denn die Stadt ist nach dem Führer der Oktoberrevolution benannt und müsste umbenannt werden. Die Bevölkerung ist nicht begeistert und Lokalpolitiker arbeiten an einem Trick, um eine Umbenennung zu vermeiden.

Ende Februar 2014 hatte Einwohner der Hafenstadt Illitschiwsk „ihren“ Lenin kurze Zeit gar rund um die Uhr bewacht, angeblich wollten damals rechtsradikale Aktivisten die vier Meter große Statue zu Fall bringen. Zu einem ernsthaften Versuch eines Denkmalsturzes war es hier in jenen Tagen unmittelbar nach dem Machtwechsel in Kiew jedoch nicht gekommen.

Kürzlich wurde der goldfarbene Lenin von Illitschiwsk, der am Beginn einer nach ihm benannten Straße steht, zwar in Kniehöhe mit einem Farbbeutel beworfen. Dass von politisch engagierten Vandalen aber noch eine Gefahr ausgeht, scheint hier derzeit aber niemand mehr zu glauben.

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Dennoch ist Lenin nunmehr in größerer Gefahr als noch vor etwas mehr als einem Jahr: Sollte - wie von vielen erwartet - Präsident Petro Poroschenko in den nächsten Tagen ein vom ukrainischen Parlament am 9. April beschlossenes Gesetz unterzeichnen und ihm somit Rechtskraft verleihen, wird Lenin bald stürzen. Das „Gesetz zur Verurteilung des kommunistischen und nationalsozialistischen Regimes in der Ukraine und das Verbot der Propaganda mit ihrer Symbolik“ verlangt aber auch, dass die Lokalpolitik alle Ortsnamen mit Bezügen zum kommunistischen Regime ersetzen muss. Betroffen sind zumindest 25 Städte, darunter auch Illitschiwsk.

Denn nach der traditionellen Lesart ist die Hafenstadt nach ukrainisch Illitsch, russisch Ilitsch, dem Vatersnamen von Bolschewiken-Führer Wladimir Ilitsch Lenin benannt. Laut Gesetzestext hat die Lokalpolitik nach Inkrafttreten des Gesetzes sechs Monate für alle Umbenennungen Zeit, sollte sie untätig bleiben, würden die Maßnahmen auf Bezirks- oder Oblast-Ebene dekretiert.

Eine solide Mehrheit in Illitschiwsk hat mit diesem Gesetz und seinen potenziellen Auswirkungen sichtlich keine große Freude, auch Lenin möchten viele behalten. „Das Lenin-Denkmal ist einfach ein Wahrzeichen“, erklärt eine junge Frau gegenüber der APA. Ihr Freund sekundiert, dass die Statue doch schön sei und niemandem etwas angetan habe. Das Paar ist auch kategorisch gegen eine Umbenennung der Stadt und klagt über das ihres Erachtens wahre Problem von Illitschiwsk. „Die Wirtschaft ist im Arsch. Vor einem Jahr lag das Durchschnittseinkommen zwischen 200 und 250 Dollar im Moment, jetzt sind es nur noch 50 bis 70 Dollar“, sagt der junge Mann, der in der Computerbranche tätig ist. Seine Freundin findet seit einiger Zeit keine Arbeit.

Diese Stimmung im Ort hat auch Wassyl Huljajew erkannt. Der Abgeordnete vertritt Illitschiwsk in der Werchowna Rada in Kiew - sein Büro hat er in der Lenin-Straße, keine 200 Meter vom Denkmal entfernt. „Ich bin zwar mit dem Gesetz grundsätzlich einverstanden, nur braucht man dafür eine längere Frist, drei oder vier Jahre“, sagt Huljajew gegenüber der APA. Deshalb habe er auch nicht für das Gesetz gestimmt, erklärt der Abgeordnete, der vor einer überdimensionalen ukrainischen Flagge sitzt und damit seinen Patriotismus unterstreicht.

Gleichzeitig unterstützt Wassyl Huljajew Bemühungen, den Ortsnamen zu erhalten. „Ich denke nicht, dass die Stadt Lenin zu Ehren benannt ist. Man spricht heute davon, dass sie zu Ehren des Propheten Elias (ukrainisch Illja, russisch Ilja, Anm.) benannt ist“, meint der Abgeordnete.

Huljajews Assistent spricht gegenüber der APA Klartext: „Um eine Umbenennung und alle Folgen zu vermeiden, gibt es den Versuch, den Stadtnamen durch unterschiedliche Organisationen, durch die Diözese Odessa, mit dem Propheten Elias erklären zu lassen.“ Freilich, so gesteht er jedoch ein, gäbe es ein Problem - laut Experten müsste die Stadt in diesem Fall eigentlich Illinsk heißen.

Illitschiwsks Bürgermeister Walerij Chmelnjuk hatte vergangene Woche mit der originellen Elias-Idee landesweit aufhorchen lassen und soll sich bereits mit dem Metropoliten von Odessa über dessen Unterstützung geeinigt haben. Gleichzeitig ist laut Medienberichten geplant, Lenin zu dementieren und durch ein Elias-Denkmal zu ersetzen. Die Stadtpolitik scheint sich aber schon seit längerer Zeit im Geheimen auf die Namensrettungsoperation vorbereitet zu haben: Denn bereits vor einigen Jahren war eine kleine Elias-Stehle vor dem Gebäude der Stadtverwaltung installiert worden.

Keinen Zweifel, dass er den Illitschiwsker Elias-Vorstoß ablehnt, lässt Wolodymyr Wjatrowytsch, der Chef des Ukrainischen Instituts für Nationale Erinnerung und das Mastermind des vom Parlament beschlossenen Gesetzes. „Die Ukraine muss sich endlich von totalitären Ortsnamen verabschieden“, erklärt er gegenüber der APA, „Dekommunisierung“ sei ein fixer Bestandteil von politischen wie wirtschaftlichen Reformen und die Frist von sechs Monaten sei ausreichend, sagt Wjatrowytsch. Er rechnet mit der Unterzeichnung des beschlossenen Gesetzes durch den Präsidenten in den nächsten Tagen.


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