„Pflichtpraktika sollten eine Mindestentlohnung erhalten“

Betriebe bewegen sich oft auf dünnem Eis, wenn sie Pflichtpraktikanten beschäftigen, sagt AK-Experte Peter Schumacher im TT-Interview.

Symbolbild
© Wodicka

Haben Schüler ein Recht auf eine Pflichtpraktikumsstelle?

Peter Schumacher: Schüler haben laut Lehrplan zwar die Pflicht, eine Praktikumsstelle anzutreten, aber keineswegs ein bei den Betrieben einlösbares Recht darauf. Das macht die Suche nach Praktikumsplätzen oft sehr schwierig.

Muss das Pflichtpraktikum zum Ausbildungsschwerpunkt der Schule passen?

Schumacher: Ja, wie eng das allerdings zu sehen ist, definiert die Schule autonom.

Gibt es für ein Pflichtpraktikum Geld oder sind Praktika als Teil der Schulausbildung gratis zu leisten?

Schumacher: Die Entlohnung richtet sich danach, ob das Pflichtpraktikum im Rahmen eines regulären Arbeitsverhältnisses abgeleistet wird oder als Ausbildungsverhältnis bzw. Volontariat. In ganz wenigen Kollektivverträgen (Gastronomie, Metallgewerbe, Malergewerbe und einige andere) gibt es Regelungen zur Entlohnung, zumeist analog den Lehrlingsentschädigungen dieser Branche. Überall sonst fehlen Regelungen.

Ist von einem Arbeitsverhältnis auszugehen (fixe Arbeitszeit, produktive Tätigkeit, Arbeit nach ausschließlichem Verwertungsinteresse des Betriebes etc.), gilt ohnehin der Branchen-KV und die dort geregelte Entlohnung. Handelt es sich eher um ein Ausbildungsverhältnis (keine fixe Betriebsintegration, Arbeit primär nach Ausbildungsinteresse, kaum produktive Tätigkeit etc.), dann muss überhaupt nichts bezahlt werden.

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Darf ein Pflichtpraktikant auf eine Art Dienstzeugnis bestehen und die Ausfertigung einfordern?

Schumacher: Die Praktikumsbetriebe sind verpflichtet, eine Bestätigung (kein Dienstzeugnis im engeren Sinne) auszustellen.

Was sind die absoluten No-Gos für Betriebe im Umgang mit Pflichtpraktikanten?

Schumacher: Die Grenzen der Beschäftigung Jugendlicher, egal ob in einem Arbeitsverhältnis oder in einem Ausbildungsverhältnis, normiert das Kinder- und Jugendlichenbeschäftigungsgesetz, welches eine 40-stündige wöchentliche Höchstarbeitszeit, zwei freie Tage pro Woche, ein Nachtarbeitsverbot sowie ein Sonntagsarbeitsverbot festlegt.

Sind Tirols Betriebe zu wenig darüber informiert, dass viele Schüler Jahr für Jahr einen Betrieb brauchen, um Erfahrungen zu sammeln?

Schumacher: Das Pro­blem der fehlenden Praktikumsstellen ist evident, liegt aber weniger an der fehlenden Information über den bestehenden Bedarf, sondern an der rechtlichen Unklarheit. In Ermangelung gesetzlicher Regelungen begeben sich die Betriebe bei der Beschäftigung von Pflichtpraktikanten durchaus auf dünnes Eis und riskieren die nachträgliche (allenfalls auch gerichtliche) Feststellung des Praktikums als Arbeitsverhältnis mit den daraus folgenden Lohnnachzahlungen sowie Beitragszahlungen an die Krankenkasse. Das schreckt natürlich ab.

Andere Betriebe wiede­rum nehmen Praktikanten zwar auf, versuchen aber durch die Verweigerung jedweder Entlohnung die mögliche Nähe zu einem Arbeitsverhältnis gar nicht erst entstehen zu lassen, was wiederum dazu führt, dass Jugendliche über Wochen ausschließlich um „Gotteslohn“ tätig werden.

Eine Lösung bestünde darin, Praktika für Schüler zwar zu fördern und anzuregen, aber nicht verpflichtend vorzuschreiben. Das würde den Druck verringern.

Eine andere Möglichkeit – dies ist die Forderung der AK Tirol – zielt auf eine klare gesetzliche Regelung im Rahmen eines eigenen Praktikumsgesetzes für alle schul- und hochschulbegleitenden Pflichtpraktika mit folgendem Mindestinhalt: Ausbildungsplan und -dokumentation, Mindestentlohnung (sinnvollerweise Lehrlingsentschädigung), AK-Zugehörigkeit, Vollversicherung.

Das Gespräch führte Margit Bacher


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