Cameron hat nach Parlamentswahl in Großbritannien die Nase vorn

London (APA/dpa) - Großbritannien hat gewählt - und es sieht aus, als sei Premierminister David Cameron vom Wähler bestätigt worden. Eine er...

London (APA/dpa) - Großbritannien hat gewählt - und es sieht aus, als sei Premierminister David Cameron vom Wähler bestätigt worden. Eine erste Prognose sah in deutlich vorn. Doch für die absolute Mehrheit reicht es nicht.

Als die Glocke von Big Ben am Donnerstag zehn Uhr schlug, schimmerte von der anderen Seite der Themse das Licht des Riesenrades London Eye herüber. Das große Rad war als riesiges Wahldiagramm gestaltet - und leuchtete überwiegend blau. Großbritannien hat gewählt - und aller Voraussicht nach seine Regierung unter Premierminister David Cameron bestätigt. Die erste Prognose für die Fernsehsender BBC und ITV sah einen überraschend klaren Sieg für den Amtsinhaber.

Nach der Prognose der britischen BBC erscheint eine Fortsetzung der Koalition aus konservativen Tories und Liberaldemokraten unter Führung von Premierminister David Cameron möglich - auch wenn es äußerst knapp zugeht. Auch eine Minderheitsregierung Camerons scheint eine Möglichkeit. Die Liberaldemokraten von Parteichef Nick Clegg als kleinerer Koalitionspartner wurden abgestraft. Sie fielen von 57 Sitzen im Jahr 2005 der Prognose zufolge auf nur noch zehn Sitze zurück. Damit muss Clegg um seinen Wiedereinzug ins Parlament fürchten. Allerdings kommt eine zweite Wählerbefragung des Instituts YouGov auf eine andere Sitzverteilung mit 31 für die Liberaldemokraten und nur 284 für die Konservativen.

Eine Regierung unter Labour-Herausforderer Ed Miliband erscheint nach den Ergebnissen der Wählerbefragung, bei der 22.000 Wähler nach Verlassen der Wahllokale befragt worden waren, als unmöglich. Die Sozialdemokraten verloren in ihrer einstigen Hochburg Schottland praktisch alle Sitze an die schottische Unabhängigkeitspartei SNP von Nicola Sturgeon. Sie war bereits im Wahlkampf zum Star vieler Briten aufgestiegen. Sturgeon zweifelte unmittelbar nach Schließung der Wahllokale die Prognose über ihr überragendes Ergebnis an.

Cameron hatte vor der Wahl schwer in der Kritik gestanden. Seine eigene Partei hatte ihm einen Sieg nicht uneingeschränkt zugetraut. Mögliche Nachfolger wie Londons Bürgermeister Boris Johnson und Innenministerin Theresa May hatte nur auf die Chance gelauert, Cameron als Parteichef beerben zu können. Selbst Szenarien, in denen die Tories an der Macht blieben, Cameron aber abgelöst wird, machten in der Schlussphase des teilweise hart geführten, inhaltlich aber eher blassen Wahlkampfes die Runde. All das dürfte Vergangenheit sein.

Cameron hatte sich beim Wahlvolk nicht beliebt gemacht. In den fünf Jahren seiner Amtszeit hatte er einen harten Sparkurs eingeschlagen, oft zu Lasten von Arbeitern und Studenten. Und er brachte sein Land an den Rand einer Isolierung in Brüssel. Ein Referendum über den Austritt aus der EU machte er zu einem wesentlichen Bestandteil seiner Außenpolitik. Sollten sich die ersten Vorhersagen bewahrheiten, gilt sein versprochenes EU-Referendum nun im Herbst 2017 als ausgemachte Sache.

Sein Herausforderer Miliband wurde lange Zeit unterschätzt. Er galt vielen Briten als linkisch und unbeholfen - und überraschte dann viele positiv. Doch die Wähler trauten ihm offenbar in letzter Minute doch nicht zu, das Land in die Zukunft zu führen.

Cameron wird als vermutlich weiter regierender Premierminister harte Arbeit leisten müssen. Der Schuldenabbau ist längst noch nicht vollendet, das Wahlrecht wurde nie reformiert - und ermöglichte es somit den schottischen Nationalisten, trotz eines landesweit vergleichsweise geringen Stimmenanteils massiv Einfluss zu nehmen. Die Grünen kommen mit dem gleichen Stimmenanteil nur auf zwei Sitze.

Das Land ist gespalten. Camerons rigide Sparpolitik auf dem Rücken der kleinen Leute hat den alten Klassenkampf aus Margaret Thatchers Zeiten wieder entfacht. An den regionalen Rändern des Landes halten sich Abspaltungstendenzen. Die einst vorbildliche Melange von Einheimischen und Zuwanderern am Kopf des Commonwealths ist zum Hassbild verkommen. Der Rechtspopulist Nigel Farage konnte viele Stimmen einheimsen - aber bleibt mit wohl nur zwei Sitzen im Parlament eine Randnotiz.


Kommentieren