Cameron in Großbritannien klar vorn - Nationalisten holen Schottland

London (APA/AFP/dpa) - David Cameron wird wohl Premierminister von Großbritannien bleiben. Sein Herausforderer Ed Miliband muss als amtieren...

London (APA/AFP/dpa) - David Cameron wird wohl Premierminister von Großbritannien bleiben. Sein Herausforderer Ed Miliband muss als amtierender Chef der Labour-Partei bei der britischen Parlamentswahl empfindliche Verluste verkraften. Laut einer nach der Wahl am Donnerstag veröffentlichten Befragung für BBC, Sky und ITV können die Tories 316 Abgeordnete ins Westminster-Parlament schicken, die Labour-Partei nur 239.

Noch in der Nacht wurden Spekulationen über einen baldigen Rücktritt von Labour-Chef Miliband laut. Auch der Chef der liberaldemokratischen Partei, Nick Clegg, dessen Partei zu den klaren Verlierern der Wahl zählt und laut erster Prognose 47 Sitze im Parlament verlieren könnte, kündigte Gespräche über seine Zukunft als Parteichef an. „Dies war eine grausame Nacht für die Liberaldemokraten und eine Abstrafung“, sagte er Freitagfrüh. Seinen Parlamentssitz konnte Clegg verteidigen.

Sollte sich die Prognose bestätigen, liebäugelt Cameron nun mit einer Minderheitsregierung. Sollte sich das Ergebnis bestätigen, ergäbe sich für die bisherige Koalition mit den Liberaldemokraten nur eine hauchdünne Mehrheit von einem Sitz. Cameron könnte daher die nordirische Democratic Unionist Party (DUP) mit ins Boot holen, die den Prognosen zufolge acht Mandate errang. Die walisische Partei Plaid Cymru kommt den Angaben zufolge auf vier Sitze, die Grünen auf zwei.

Patrick Dunleavy von der renommierten London School of Economics sagte, Cameron werde wahrscheinlich „Premierminister einer Minderheitsregierung, die nicht das Mandat hat, irgendetwas Radikales zu tun“. Bleibt Cameron im Amt, droht ein Austritt Großbritanniens jedoch aus der Europäischen Union. Darüber will er die Briten im Jahr 2017 in einem Referendum abstimmen lassen.

„Es ist ein bemerkenswerter Umschwung“, sagte Londons Bürgermeister Boris Johnson, der sein Direktmandat klar gewann und damit ins Parlament einzieht, aber sein Bürgermeisteramt behält. Die Umfragen noch am Tag der Wahl hatten einen wesentlich knapperen Wahlausgang vorhergesehen.

Die großen Sieger sind im Norden des Königreiches zu finden: Die Scottish National Party (SNP) könnte es der Prognose zufolge auf 58 von 59 schottischen Sitzen im Parlament in Westminster schaffen. Vor allem der Labour-Partei nahmen sie in deren früherer Hochburg zahlreiche Direktmandate ab.

Der Schatten-Außenminister und Labour-Wahlkampfmanager Douglas Alexander schaffte es in seinem schottischen Wahlkreis nur auf knapp 18 Prozent der Stimmen und verlor seinen Platz im Parlament an die 20-jährige Politikstudentin Mhairi Black von der SNP (51 Prozent). Sie wird als jüngste Abgeordnete seit 1667 in das britische Parlament einziehen.

Auch der schottische Labour-Chef Jim Murphy muss seinen Sitz im Parlament für die SNP räumen. Der frühere Ministerpräsident von Schottland und vermutliche Fraktionschef in Westminster, Alex Salmond, sagte: „Heute Nacht wird ein Löwe brüllen, ein schottischer Löwe, und er wird mit einer Stimme brüllen, die keine Regierung, welcher politischen Couleur auch immer, ignorieren kann.“

Große Wahlverlierer sind die mitregierenden Liberaldemokraten, die bisher Juniorpartner der Regierungskoalition mit Camerons konservativen Tories waren. Vor fünf Jahren erzielten sie mit 57 Abgeordneten-Plätzen ein gutes Ergebnis, nun werden es - der Prognose zufolge - nur noch zehn. Der ehemalige Parteichef Paddy Ashdown sagte: „Wenn diese Prognose stimmt, esse ich in aller Öffentlichkeit meinen Hut.“

Die rechtspopulistische UKIP mit Parteichef Nigel Farage, die einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union anstrebt, gewann laut der Prognose zwei Parlamentssitze - ebenso wie die Grünen. 2010 hatten nur 3,1 Prozent der Wähler ihr Kreuz bei UKIP-Kandidaten gemacht und kein Abgeordneter war ins Parlament eingezogen. Im Herbst waren zwei konservative Parlamentarier zu UKIP gewechselt, nachdem die EU-Gegner bei der Europawahl stärkste Kraft geworden waren. Vor der Wahl hatte Farage seinen Rücktritt angekündigt, sollte es ihm nicht gelingen, sein Direktmandat zu gewinnen.

Experten hatten im Vorfeld des Urnengangs mit einer wochenlangen Hängepartie bei der Regierungsbildung gerechnet. Koalitionen sind für die Briten ohnehin immer noch ungewöhnlich. Nach der Wahl 2010 gab es im Vereinigten Königreich, wo Labour und Tories zuvor stets allein regierten, die erste Koalitionsbildung seit 1945.

Insgesamt waren am Donnerstag mehr als 45 Millionen Briten an die Urnen gerufen. Das vorläufige Endergebnis wurde für Freitagnachmittag erwartet.


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