Der coole David setzte sich bei Großbritannien-Wahl durch

London (APA/AFP) - Für seine Gegner ist er ein abgehobener Snob, der einen Hotdog mit Messer und Gabel verzehrt und die soziale Kluft im Lan...

London (APA/AFP) - Für seine Gegner ist er ein abgehobener Snob, der einen Hotdog mit Messer und Gabel verzehrt und die soziale Kluft im Land vergrößert. Seine Anhänger halten ihm zugute, seine Sparpolitik habe die Haushaltslage verbessert und die Wirtschaft gestärkt. Er ist nicht unpopulär. Aber so richtig warm wurde mit David Cameron in seinen fünf Jahren als britischer Premierminister kaum jemand.

Auch deswegen schien bei der Parlamentswahl am Donnerstag alles auf eine Zitterpartie hinauszulaufen. Camerons konservative Tories und die Labour-Partei von Ed Miliband lagen in Umfragen Kopf an Kopf. Doch überraschend verhalfen die Briten ihrem Premier und seiner Partei bei dem Urnengang laut Prognosen zu einem deutlichen Sieg. Auch wenn es demnach nicht für eine absolute Mehrheit reicht, werden den Tories doch 316 der 650 Sitze im Unterhaus zugerechnet. Für die absolute Mehrheit würden ihnen damit nur zehn Sitze fehlen.

Von Nervosität war bei Cameron trotz des Kopf-an-Kopf-Rennens vor der Wahl nichts zu spüren - von Leidenschaft allerdings ebenso wenig. Die Presse schuf für seinen verblüffenden Gemütszustand auf der Zielgeraden des Wahlkampfs ein Wort - „chillaxing“, aus „chill“ und „relax“. Mit anderen Worten: Cameron blieb cool.

Das passt ins Bild, das oft von ihm gezeichnet wird - das eines eiskalten Machtpolitikers, der aus taktischem Kalkül die europäische Zukunft Großbritanniens aufs Spiel setzt, indem er den zahlreichen Brüssel-Gegnern auf der Insel für den Fall eines Wahlsiegs ein Referendum über den Verbleib in der EU versprach. Ein Spiel mit dem Feuer, das in ein „Katastrophenszenario“ münden könnte, fürchtet sein Biograf Anthony Seldon.

Selbst seine engsten Berater hätten sich lange gefragt, was Cameron eigentlich wolle, woran er glaube, berichtet Seldon. Ein konservativer Großspender sagte kürzlich der Zeitung „Sunday Times“, der Premier offenbare im Wahlkampf „einen erstaunlichen Mangel an Energie und Überzeugung“. Wem die Aufregung fehle, der solle doch „nach Griechenland gehen“, konterte der Geschmähte.

Cameron verglich sich einst selbst mit Tony Blair, der Labour modernisierte. Im Jahr 2005 übernahm der Absolvent der Eliteschule Eton und der renommierten Oxford-Universität mit nur 39 Jahren die Führung der Tories. Er gab sich als Verfechter eines „mitfühlenden Konservatismus“, wollte Gesundheit, Bildung und Umwelt in den Mittelpunkt rücken und „die Früchte des Wachstums verteilen“.

Viel verteilte er dann allerdings nicht, nachdem er im Jahr 2010 eine Koalition mit den Liberalen geschmiedet hatte und in Downing Street Nummer 10 eingezogen war. Durch drastische Haushaltskürzungen wurde das Defizit auf 90 Milliarden Pfund (gut 120 Milliarden Euro) halbiert. In vier Jahren soll die schwarze Null stehen - so das ausgegebene Ziel der Tories. Die Wirtschaft fing sich wegen oder trotz der Kürzungen, die Arbeitslosigkeit ging zurück.

Mit Attacken gegen die Sparpolitik schienen Camerons Gegner Punkte zu holen, allen voran Labour-Chef Miliband. Mehr denn je habe sich die Regierung vor den Wagen der Wohlhabenden spannen lassen, warf er Cameron vor. Die soziale Kluft habe sich vertieft, das Gesundheitssystem sei ausgedünnt worden. Letztlich nutzten die Attacken aber wenig: Labour landete laut den Prognosen am Donnerstag mit 239 Mandaten abgeschlagen auf dem zweiten Platz.

Große Sorge rief der Premier von der Insel in Brüssel und Berlin mit seiner Europa-Politik hervor. Beim Streit um den Gemeinschaftshaushalt manövrierte sich Cameron in die Schmuddelecke, in seinen Statements vor den Gipfeln geht es stets nur um britische Interessen. Sein Buhlen um die EU-Skeptiker daheim gipfelte in dem Versprechen eines Referendums. Sobald er nun die vermutlich anstehenden Koalitionsverhandlungen hinter sich hat, dürfte das Vorhaben gewiss seine zweite Amtszeit prägen.


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