Vom Wunsch, frei zu sein: Oliver Hirschbiegels Drama „Elser“

Wien (APA) - Der Name Claus Schenk Graf von Stauffenberg ist untrennbar mit dem Widerstand gegen Adolf Hitler verbunden. Mit Georg Elser häl...

Wien (APA) - Der Name Claus Schenk Graf von Stauffenberg ist untrennbar mit dem Widerstand gegen Adolf Hitler verbunden. Mit Georg Elser hält es sich anders. Dessen gescheitertes Attentat auf den Diktator 1939 geriet vielmehr in Vergessenheit. Oliver Hirschbiegels Drama „Elser“ zollt dem Widerstandskämpfer nun Tribut - und zeichnet zugleich ein schockierendes Bild deutschen Mitläufertums. Ab Freitag im Kino.

Mit einer Taschenlampe im Mund und Schweißperlen auf der Stirn rutscht Georg Elser (Christian Friedel) auf seinen bereits blutigen Knien im Münchner Bürgerbräukeller am Boden, hievt einen selbst gebastelten Sprengsatz mit Zeitzünder hinter jenes Rednerpult, an dem wenige Tage später Adolf Hitler stehen wird. Es ist November 1939, und Elser, ein Schreiner aus dem schwäbischen Königsbronn, will „weiteres Blutvergießen“ verhindern, das er unter dem „Führer“ kommen sieht.

Als die Bombe am 8. November hochgeht und acht Menschen in den Tod reißt, ist Elser bereits bei der Schweizer Grenze festgehalten worden. Dass Hitler den Bürgerbräukeller 13 Minuten früher als erwartet verlassen hat und von der Explosion verschont geblieben ist, erfährt Elser erst, als er im Berliner Reichssicherheitshauptamt dem Kripo-Chef Arthur Nebe (Burghart Klaußner) und dem Gestapochef Heinrich Müller (Johann von Bülow) gegenübersteht. Dass der einfache Schreiner ohne Hintermänner gehandelt hat, wird ihm nicht geglaubt. Nach quälender Folter gesteht er schließlich - und erzählt, wie alles begonnen hat.

Hirschbiegel setzt zehn Jahre nach seinem Führungsbunker-Film „Der Untergang“ mit „Elser“ bei dem Attentat an, dessen positiver Ausgang die Weltgeschichte verändert und 55 Millionen Tote während des Zweiten Weltkriegs verhindert hätte, und spart in weiterer Folge die grausamen Foltermethoden nicht aus. Gebrochen werden die kammerspielartigen Verhörsszenen zwischen dem aufrichtigen Elser, dem opportunistischen Nebe und dem knallharten Müller mit Rückblenden: Wir sehen den Sommer 1932, als Elser noch unbeschwert am Bodensee mit Freunden schwimmt, lacht und musiziert, seine Rückkehr an den familiären Hof, die erste Begegnung mit seiner großen, aber mit einem Alkoholiker-Ehemann verheirateten Liebe Elsa (Katharina Schüttler) und die Auswirkungen der Machtergreifung Hitlers 1933 im Dorf.

Die Darstellung des schleichenden Einzugs des Nationalsozialismus in sein Heimatdorf als Auslöser für Elsers lebensgefährlichen Plan ist es, was den Film abseits gestelzter liebestrunkener Dialoge in einer etwas überbordenden Love Story gelungen macht: Zunehmend spürbar wird das zerstörerische, die Gesellschaft infiltrierende Gedankengut, wenn kommunistische Freunde Elsers festgenommen und als Zwangsarbeiter versklavt werden und die junge Lore (Josefstadt-Mimin Gerti Drassl) wegen ihrer Beziehung zu einem Juden als „größtes Schwein“ auf dem Dorfplatz postiert und ausgelacht wird. Keine Spur von Moral oder Ablehnung bei den Bürgern, schlicht: Freudentaumel.

Das von Propaganda geprägte Erntedankfest 1934 schließlich wartet mit einer grandiosen Szene auf, in der die Elsers ganz in Schwarz abseits des Geschehens stehen und die Mutter auf die Einladung eines SS-Mannes auf Wursteintopf und Freibier antwortet: „Bei uns zuhause gibt‘s nur Rübeneintopf, aber es geht immer anständig zu.“ Mit Szenen wie diesen macht „Elser“ klar, wie selten derart starke Charaktere inmitten blinder Mitläufer waren, und wie mutig und weitsichtig Elser gehandelt hat.

Christian Friedel, der Lehrer aus Michael Hanekes „Das weiße Band“ und Heinrich von Kleist aus Jessica Hausners „Amour Fou“, gibt den Freidenker bedacht und freiheitsliebend, fernab der Charakterisierung eines Wahnsinnigen, als den ihn die Nazis verunglimpft und als der er über Jahrzehnte gegolten hat. „Wenn der Mensch nicht frei ist, stirbt alles ab“, meint Elser an einem Punkt im Verhör über seine Beweggründe zum dadurch sichtlich vor den Kopf gestoßenen Nebe. Beide werden den Krieg nicht überleben: Elser wird wenige Tage vor der Befreiung im Konzentrationslager Dachau erschossen, Nebe nach seinem Überlaufen zu Widerstandskämpfern erhängt.

(S E R V I C E - Filmpremiere von „Elser“ am Montag, 11. Mai, um 20 Uhr im Wiener Gartenbaukino in Anwesenheit von u.a. Oliver Hirschbiegel und Christian Friedel. www.elser-derfilm.de)


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