Locker geknüpfter Schicksalsknoten: Vea Kaisers „Makarionissi“

Wien (APA) - Vea Kaisers Faszination für Griechenland rührt aus der Antike, aus der Welt von Göttern, Mythen und Helden. In den Schlagzeilen...

Wien (APA) - Vea Kaisers Faszination für Griechenland rührt aus der Antike, aus der Welt von Göttern, Mythen und Helden. In den Schlagzeilen sind die Griechen aber wegen Schulden, Krise und verzweifelten Rettungsversuchen. Zwischen diesen Polen siedelt die 26-jährige niederösterreichische Altgriechisch-Studentin ihren zweiten Roman an. „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“ wird am Montag ausgeliefert.

St. Peter am Anger hieß das am Reißbrett entworfene Alpendorf, das den Schauplatz ihres 2012 erschienenen gefeierten Debüts „Blasmusikpop“ bildete. Varitsi ist nun das erfundene Bergdorf an der griechisch-albanischen Grenze, in dem die Geschichte ihren Ausgangspunkt nimmt. Es ist eine lange, gewundene Geschichte, die 1956 beginnt und über Chicago, Hildesheim, St. Pölten, Zürich und die (ebenfalls erfundene) griechische Insel Makarionissi bis in die Gegenwart führt.

Das fast 500-seitige Heldenepos mit einer den heldischen Anforderungen nicht gewachsenen Heldin beginnt archaisch mit dem Knüpfen eines familiären Schicksalsknotens. Eine alte Großmutter sorgt sich um den Fortbestand ihrer Familie und fädelt ein, dass eine ihrer Töchter noch einmal ein Kind bekommt. Die kluge und eigensinnige Eleni ist von Anbeginn dafür bestimmt, eines Tages ihren Cousin Lefti zu heiraten. In der Kindheit sind die beiden ein Herz und eine Seele - doch als sie erwachsen werden und ihren Platz im Leben suchen, beginnt die Tragödie. Eleni hockt lieber mit ihren linken Freunden zusammen, wird in der Militärdiktatur verhaftet und gefoltert. Die Heirat mit Lefti ermöglicht ihr zwar die Ausreise nach Deutschland, doch die Ehe wird stets nur am Papier existieren.

In Zeitsprüngen überwindet man mit den rasch zahlreicher werdenden Protagonisten Zeit und Raum, erhält unaufdringlich Geschichtsunterricht und ist bald froh darüber, dass Vea Kaiser ihrem über Generationen reichenden Buch einen Stammbaum „der Geschichte Helden“ vorangestellt hat. Es ist nicht immer leicht, den Überblick zu bewahren. Tiefe Zerwürfnisse, über Jahre hartnäckig gepflegte Unversöhnlichkeit prägen die Familienbeziehungen, in denen bald ein deutscher Schlagersänger namens Otto und ein Fräulein Haselbacher entscheidende Nebenrollen erhalten.

Vea Kaiser kann unterhaltsam und unbeschwert erzählen, das stellt auch dieser Zweitling unter Beweis. Und doch haftet „Makarionissi“ ein Geruch der Künstlichkeit an, der die verhandelten Probleme harmloser macht, als sie sein sollten. In der entworfenen Plastic World, in der weltanschauliche Differenzen ganze Ortsteile auf immer trennen, wohnen Plastic People, die wie ferngesteuert wirken, statt ein Eigenleben zu entfalten. Mit Abstand am lebendigsten (und humorvollsten) wirkt in diesem Griechenland-Roman ausgerechnet die Schilderung des provinziellen Miefs von St. Pölten, in dessen Fußgängerzone die Besitzer eines griechischen und eines chinesischen Restaurants einander bekriegen.

Die „Insel der Seligen“ des Untertitels dieses nach den neun Musen in neun „Gesänge“ gegliederten Buches ist übrigens nicht Österreich, sondern ein Helden-Paradies, von dessen Existenz die alten griechischen Denker überzeugt waren. Selig macht „Makarionissi“ nur stellenweise, etwa mit einer nur wenige Zeilen langen Schilderung des vergeblichen Wartens eines sitzen gelassenen Bräutigams auf seine Braut. Da sorgt die strenge Form dafür, dass der Erzählton bricht und die Unbeschwertheit Sprünge bekommt. Über Hunderte Seiten wird dagegen allzu locker vom Hocker geplaudert. Untertänigst wünscht man sich mehr kaiserliche Strenge. Das würde wohl auch Kalliope freuen, die Muse der epischen Dichtung,

(S E R V I C E - Vea Kaiser: „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“, Kiepenheuer & Witsch, 464 S., 20,60 Euro, ab 11. Mai im Handel; Buchpräsentation am 14. Mai, 20 Uhr, im Wiener Rabenhof)


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