Fußball: Im Feuer von Bradford starben vor 30 Jahren 56 Menschen

London (APA/dpa) - Das Feuer von Bradford war die größte Brandkatastrophe des englischen Fußballs. 56 Menschen starben vor 30 Jahren im Stad...

London (APA/dpa) - Das Feuer von Bradford war die größte Brandkatastrophe des englischen Fußballs. 56 Menschen starben vor 30 Jahren im Stadion. Martin Fletcher, ein Überlebender der Tragödie, enthüllt in seinem Buch „56“ mysteriöse Zusammenhänge.

Fletcher war zwölf Jahre alt, als ein Großteil seiner Familie ausgelöscht wurde. Am 11. Mai 1985 verlor der Brite beim Brand der Tribüne im Stadion von Bradford City seinen Vater, seinen Großvater, seinen jüngeren Bruder und seinen Onkel.

56 Menschen starben und 265 weitere wurden verletzt, als das Feuer die hölzerne Haupttribüne des Valley-Parade-Stadions komplett verwüstete. In seinem Buch enthüllt Fletcher erstmals mysteriöse Zusammenhänge zwischen dem damaligen Club-Boss Stafford Heginbotham und mindestens acht weiteren Bränden, die dem 1995 gestorbenen Geschäftsmann laut Fletcher insgesamt rund 27 Millionen Pfund Versicherungssumme eingebracht haben sollen.

Der 11. Mai vor 30 Jahren war ein herrlicher Frühlingstag. Bradford City hatte sich eine Woche zuvor den lang ersehnten Aufstieg in die 2. Liga gesichert. Zum letzten Spiel der Saison gegen Lincoln City war das Stadion mit 11.076 Zuschauern nahezu ausverkauft. Die Fans wollten mit den Kickern auf dem Rasen den Triumph feiern. Doch die Party endete in einer Tragödie.

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In der 40. Minute der ersten Hälfte berichtete Fernsehkommentator John Helm live von den ersten Anzeichen eines Feuers. Wenige Minuten später stand die gesamte Tribüne in Flammen. Die meisten der 3.000 Zuschauer auf der Haupttribüne hatten die Zäune überwinden und auf den Rasen flüchten können. Von dort mussten sie mitansehen, wie Familienangehörige, Freunde und Nachbarn hilflos verbrannten.

Grund für die Katastrophe soll eine weggeworfene Zigarette gewesen sein, die das Feuer unter der Holztribüne entfachte. Dort hatte sich in vielen Jahren ein Müllberg angesammelt. Trotz mehrmaliger Aufforderungen durch die Behörden hatte der Verein den Abfall nicht beseitigt. Wenige Wochen nach der Katastrophe entschied ein Gericht: Das Feuer war ein Unfall.

Fletcher glaubt nicht an diese Darstellung. „Ich will nicht länger mit dieser Lüge leben“, sagte er der englischen Zeitung „Guardian“, die Teile seines Buches veröffentlichte. In mehr als 15 Jahre langer Recherchearbeit will Fletcher herausgefunden haben, dass Bradford City damals vor dem finanziellen Ruin stand. Clubchef Heginbotham habe die durch den Aufstieg nötigen Umbaumaßnahmen nicht bezahlen können.

Fletcher fand zudem heraus, dass es zwischen 1967 und 1981 in acht Betrieben, mit denen Heginbotham direkt oder indirekt zu tun hatte, zu Bränden kam. Er beschuldigt Heginbotham nicht direkt der Brandstiftung, stellt aber die Frage: „Wie kann ein Mensch allein so viel Pech haben?“ Bei Heginbotham gilt die Unschuldsvermutung.

Von offizieller Seite wird Fletchers These bestritten. Gerry Sutcliffe, damals in leitender Funktion für die Stadt beschäftigt, sagt: „Das Gericht hat festgestellt, dass das Feuer durch eine Zigarette entfacht wurde. Und ich habe nichts gehört, das mich überzeugen könnte, dass das nicht der Fall war“.

Greg Dyke, Vorsitzender des englischen Fußball-Verbandes (FA), meinte beim Gedenken an die Opfer vor wenigen Tagen, er finde es schwer, die neuen Vorwürfe zu glauben. Fletcher ist davon unbeeindruckt. Er strebt an, die Untersuchung der größten Feuerkatastrophe im englischen Fußball neu aufzurollen.


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