Nepal-Erdbeben - Arbeitsmigranten kehren in der Stunde der Not zurück

Kathmandu (APA/dpa) - Acht Tage voller Verzweiflung und Unsicherheit dauert es, bis Kanchha Ram Tamang sein Heimatdorf in Nepal erreicht. Ac...

Kathmandu (APA/dpa) - Acht Tage voller Verzweiflung und Unsicherheit dauert es, bis Kanchha Ram Tamang sein Heimatdorf in Nepal erreicht. Acht Tage, in denen er nicht weiß, was mit seinem Vater passiert ist. Das verheerende Erdbeben hat fast eine halbe Million Häuser in Nepal zerstört - darunter auch das Haus von Tamang im Dorf Satyadevi, ganz in der Nähe des Epizentrums.

„Ich wusste einfach nicht, was zu Hause los war. So viele Dinge gingen mir durch den Kopf. Ich war beunruhigt, ich fühlte mich miserabel“, erzählt er. Der 34 Jahre alte Tamang arbeitete während des Erdbebens als Koch in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Damit gehört er zu den fast zehn Prozent der nepalesischen Bevölkerung, die im Ausland schuften: als Bauarbeiter in Katar, als Wachmänner in Malaysia oder Haushaltsgehilfen in Saudi-Arabien. Zwei bis drei Millionen Nepalesen haben nach Schätzungen der Abteilung für Arbeitsmigranten ihrem verarmten Land den Rücken gekehrt, um Geld in der Ferne zu verdienen.

Doch nach dem Erdbeben kehren die jungen Männer und Frauen in Scharen in ihre Heimat zurück, damit sie ihre Familien sehen und beim Wiederaufbau helfen können. Tamang brauchte drei Tage, um einen Flug aus Abu Dhabi nach Hause zu buchen. Doch in Kathmandu war die Reise noch nicht vorbei. „Der Flughafen war das reinste Chaos. Jeder rannte irgendwo hin, und es gab keine Taxis. Ich musste den vierfachen Preis zahlen, um überhaupt zu einer Pension zu kommen“, erinnert er sich.

Drei weitere Tage brachte Tamang von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang damit zu, einen Bus oder eine Mitfahrgelegenheit in sein Dorf zu finden. Noch nach dem Erdbeben verließen die Menschen die Hauptstadt in Strömen. Die Stadtbewohner flüchteten sich zu ihren Verwandten aufs Land, wollten ihnen helfen oder während der Krise einfach nur mit ihnen zusammen sein. Rund 900.000 Menschen verließen nach offiziellen Angaben das Kathmandu-Tal in nur wenigen Tagen.

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„Nach einem ersten Telefonat mit einem der Dorfbewohner habe ich niemanden mehr erreicht“, sagt Tamang. „Ich machte mir solche Sorgen.“ Am vierten Tag schließlich bekam er einen Bus zu einem Ort in der Nähe seines Dorfes, dann wanderte er sechs Stunden steile, terrassierte Hänge hinauf. „Als ich zu unserem Grundstück kam, sah ich meinen Vater in unserem Garten auf einem Wellblechdach liegen“, sagt er. Der 75-Jährige war schwer verletzt. Die Mutter von Tamang sowie seine Ehefrau kamen unverletzt davon.

Kein Haus in Tamangs Dorf blieb unbeschädigt. Es dauerte drei Tage, bis ein Militärarzt kam und Tamangs Vater Prittiman untersuchte. Die Diagnose: gebrochene Wirbelsäule und Kopfverletzungen. Trotzdem konnte der alte Mann nicht gleich im Helikopter ausgeflogen werden. „Einmal haben wir ihn verpasst, weil wir zehn Minuten zu spät waren“, sagt Tamang. Auch gab es 100 andere Verletzte im Dorf. Und 40 Tote.

„Es gab einen Punkt, an dem mein Vater aufgegeben hatte“, sagt Tamang. „Er sagte zu mir, es mache ihm nichts aus, in seinem Dorf zu sterben.“ Die Versorgungslage im Dorf ist nach wie vor schlecht. Es gibt momentan keine Straßenanbindung, deswegen schaffen es kaum Hilfsteams nach Satyadevi. „Wir haben am Anfang ein paar Dutzend Zelte erhalten, aber seitdem kam keine Hilfe mehr an“, sagt der Dorfälteste Makar Singh.

Prittiman Tamang - ein dürrer Mann mit grauem Bart - hat zu allem Überdruss Angst vorm Fliegen. „Ich versuchte, ihn zu beruhigen, und sagte: Das ist wie auf dem Rücken eines Vogels“, sagt der Sohn Tamang. Während des Fluges klammerte sich der Alte an einer Leiter fest - mit einer Hand, in die eine Kanüle führte.

Kurz nachdem er in der Hauptstadt von vier Soldaten aus dem Hubschrauber getragen worden war, begann er wieder zu sprechen: Der Flug sei gar nicht so schlimm gewesen.


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