Wiens Botschafter in Moskau beklagt Instrumentalisierung des 9. Mai

Moskau (APA) - Die historische Rolle der Sowjetunion für die Befreiung Österreichs im Jahr 1945 unterstreicht Österreichs Botschafter in Mos...

Moskau (APA) - Die historische Rolle der Sowjetunion für die Befreiung Österreichs im Jahr 1945 unterstreicht Österreichs Botschafter in Moskau, Emil Brix, der am Samstag die Republik bei der Militärparade am Roten Platz vertreten wird. Im APA-Gespräch beklagt der Diplomat und Historiker Brix aber eine Überlagerung des Gedenkens an das Kriegsende durch politische Instrumentalisierung in den letzten Jahren.

Die Entscheidung von Bundespräsident Heinz Fischer, nicht an der Parade zum „Tag des Sieges“ am 9. Mai teilzunehmen, sei am Dienstag von russischer Seite beim Treffen der Außenminister Sebastian Kurz mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow kurz angesprochen worden, erzählt Brix. „Lawrow hat aber deutlich gemacht, dass diese österreichische Entscheidung von Russland akzeptiert wird. Er sprach auch davon, dass eine Einladung keinem Stellungsbefehl gleichkäme“, sagt Brix, nach dessen Information am Samstag zwei Drittel aller EU-Staaten am Roten Platz lediglich mit Botschaftern vertreten sein werden.

Russland, so sagt Brix, kenne die Hintergründe für diese Entscheidungen und höre dies regelmäßig von europäischer Seite - zuletzt auch von Außenminister Kurz: „Wir halten die Annexion der Krim für eine völkerrechtswidrige Handlung, beurteilen das russische Verhalten in der Ukraine-Krise kritisch, hoffen derzeit aber auf eine positive Entwicklung.“ Aus österreichischer Sicht werde in Form einer Militärparade zudem nicht das Zentrale im Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkriegs erreicht. „Als Vertreter des Herrn Bundespräsidenten werde ich an dieser Veranstaltung teilnehmen und zwei Stunden auf einer Tribüne vor dem Lenin-Mausoleum sitzen“, sagt der Botschafter.

Bei den letzten vergleichbaren Jubiläumsfeiern zum Kriegsende waren österreichische Staatsoberhäupter nach Russland gereist: 2005 wohnte Bundespräsident Heinz Fischer der Militärparade am Roten Platz bei, 1995 kam Bundespräsident Thomas Klestil zwar nach Moskau, verzichtete - wie auch andere westliche Staatschefs - aus Protest gegen den damaligen russischen Feldzug gegen Tschetschenien jedoch auf eine Teilnahme an der Parade.

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Was die österreichische Sicht auf das Kriegsende betrifft, sieht der Brix eine deutliche Veränderung seit 1945 - Österreich habe bekanntlich erst in den 1980er und 1990er Jahren seinen Anteil an der Schuld an nationalsozialistischen Verbrechen offiziell formuliert. „Vor allem wenn es um Wien und den Osten Österreichs geht, war aber von Anfang an klar, dass der sowjetische Anteil am Kriegsende im Vordergrund steht“, erklärt Brix. Dies sei auch dadurch zu erkennen, dass es zum sowjetischen Denkmal am Wiener Schwarzenbergplatz keine Gegenstücke für die anderen Alliierten mit zentraler symbolischer Bedeutung gäbe.

Der Historiker unterstreicht aber auch die Bedeutung des Jahres 1989 für die Würdigung der sowjetischen Rolle von 1945: „Mit dem Ende der kommunistischen Regime ist ein Problem des Kommunismus oder Antikommunismus bei der Anerkennung der russischen Leistungen weggefallen, und das hat es leichter gemacht, direkt und offener mit dem großen Anteil der damaligen Sowjetunion umzugehen.“ In diesem Zusammenhang konstatiert Brix aber auch eine semantische Veränderung. „Die Tatsache, dass von Befreiung gesprochen wird, unterscheidet Gedenkfeierlichkeiten heute von jenen früherer Jahrzehnte.“

Mit einer neuen Generation rückten parallel auch negative Erfahrungen der Bevölkerung mit der Roten Armee in den Hintergrund, erklärt Brix. „Man sieht das Kriegsende als Voraussetzung für das, was heute möglich geworden ist und denkt nicht so sehr, was vor 1945 und 1945 geschehen ist.“

Diese Entwicklung führe aber zum Problem einer möglichen Instrumentalisierung von Geschichte und ihrer Verwendung für aktuelle Auseinandersetzungen symbolischer Art, sagt er. Genau dies sehe man jetzt auch an der Frage des 9. Mai in Moskau und der Nichtteilnahme von Staats- und Regierungschefs an der Militärparade. Brix hält dies für „keine sehr positive Entwicklung“: „Wir sollten alles unternehmen, dass man Gedenken an ein so einschneidendes Ereignis nicht durch jene politische Instrumentalisierung überlagern lässt, die in den letzten Jahren erfolgt ist“, fordert der Diplomat.

(Das Gespräch führte Herwig G. Höller/APA)


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