Politologin: „Schweigende Tories“ Grund für Überraschungssieg

London (APA) - Die Konservativen dürften die Parlamentswahl in Großbritannien klar gewonnen haben, während die Umfragen bis zuletzt ein Kopf...

London (APA) - Die Konservativen dürften die Parlamentswahl in Großbritannien klar gewonnen haben, während die Umfragen bis zuletzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Tories und Labour vorhergesagt hatten. Als eine der Erklärungen nennt die britische Politologin Melanie Sully die „schweigenden Tories“ - die Tatsache, dass sich konservative Wähler in Befragungen nicht immer zur ihrer Partei bekennen.

Es sei einfach nicht so „in“, die Tories zu wählen, sagt Sully zur Begründung. „Labour hat natürlich ein sympathisches Image - sozial, für arme Menschen, und die Konservativen haben nach wie vor seit der Thatcher-Zeit eher dieses eiserne Image.“

Als entscheidend für den Wahlsieg der Tories nennt Sully gegenüber der APA „die schottische Frage“: In England hätten viele vielleicht gedacht, dass die Schotten letztlich nur rund acht Prozent der Gesamtbevölkerung des Vereinigten Königreiches stellten: „Warum wollen sie sich einmischen in unsere Angelegenheiten in London?“

Das sei plötzlich ein „Symbol für dieses total asymmetrische System“ gewesen, und Cameron habe das gespürt, sagt Sully, Leiterin des in Wien ansässigen Instituts „Go Governance“. „Und er hat das ja auch schon nach dem Referendum in Schottland gesagt: Wir haben die Stimme Schottlands gehört, aber jetzt müssen wir die Stimme der anderen Leute im Vereinigten Königreich hören.“

Das Wahlergebnis sei jedenfalls eine „Blamage für die Meinungsforscher“, die zwar das Resultat in Schottland recht genau vorhergesagt hätten, auf nationaler Ebene aber „völlig falsch gelegen“ seien. „Diese sehr bunte Parteienlandschaft hat es offenbar sehr schwierig gemacht.“

Auch der Politologe Johannes Pollak unterstreicht, dass das erwartete Ergebnis „ein sehr schlechtes Licht auf die Umfrageforschung“ wirft. Er führt den konservativen Wahlsieg in einer ersten Einschätzung unter anderem auf zwei Gründe zurück: die „relativ prononcierte Kampagne“ Camerons, die auch „nicht groß Rücksicht genommen hat auf die Frage der Einheit des Vereinigten Königreichs“, und die Personalauswahl bei Labour: „Flapsig gesagt: Sie haben einfach den falschen Miliband als Parteiführer gewählt vor ein paar Jahren, das rächt sich jetzt“, so Pollak in Anspielung auf den Machtkampf an der Spitze der Partei, den schließlich Ed und nicht sein Bruder David Miliband für sich entschieden hatte. Freilich müsse man das Resultat genauer analysieren, wenn es dann vorliege.

Pollak vermutet, dass das Ergebnis die „backbenchers“ (Hinterbänkler) in der Konservativen Partei stärken wird. Cameron habe voraussichtlich „eine sehr kleine Mehrheit - das bedeutet, die ‚backbenchers‘ werden stärker, das bedeutet, er hat natürlich mit den Extremen in seiner Partei zu kämpfen. Das ist etwas, was man aus der Vergangenheit kennt“, so der Leiter der Abteilung für Politikwissenschaft am Institut für Höhere Studien (IHS) und Professor für Politikwissenschaft an der Webster-Universität. Schließlich sei in Großbritannien „die Parteikohäsion nicht so groß wie zum Beispiel bei uns“ und die „Unabhängigkeit der Einzelnen“ aufgrund des Wahlsystems größer.

(Die Gespräche führte Alexandra Frech/APA.)


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