Radtour gegen das Vergessen führte durch Innsbruck

1944 wurden italienische Widerstandskämpfer über Innsbruck nach Mauthausen deportiert. Gestern gedachte man des „Streikertransports“.

Eine Radfahrer-Delegation aus Sesto San Giovanni bei Mailand erinnerte gestern an hundert italienische Widerstandskämpfer, die 1944 über das Lager Reichenau nach Mauthausen deportiert wurden.
© Thomas Boehm / TT

Von Michael Domanig

Innsbruck –Am gestrigen 8. Mai, an dem sich die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht zum 70. Mal jährte, kam es in Innsbruck zu einer außergewöhnlichen Gedenkveranstaltung: Eine Radfahrer-Delegation der italienischen Gedenkorganisation ANED (Associazione nazionale ex deportati), die sich auf dem Weg zur internationalen Befreiungsfeier in der Gedenkstätte Mauthausen befindet, legte in Tirol einen Zwischenstopp ein. Die Gruppe aus Sesto San Giovanni bei Mailand erinnerte dabei an hundert Männer und Burschen, Angehörige des politischen Widerstandes, die im März 1944 von den deutschen Besatzern über den Brenner und das Lager Reichenau ins KZ Mauthausen deportiert wurden. Nur wenige von ihnen überlebten. Die Widerstandskämpfer hatten sich an mehreren Generalstreiks in großen Industriebetrieben in Sesto San Giovanni bei Mailand beteiligt – weshalb die Deportation von den NS-Behörden verharmlosend als „Streikertransport“ bezeichnet wurde. In Viehwaggons wurden die italienischen Häftlinge nach Innsbruck gebracht, ihre erste Zwischenstation auf dem Weg ins KZ Mauthausen und seine Nebenlager. Widerstandskämpfer Angelo Ratti – der beim letzten Besuch der ANED 2008 selbst in Innsbruck war – berichtet in seinen Erinnerungen an das Lager Reichenau davon, dass die Häftlinge in zwei überfüllten Baracken schlafen und ihre Notdurft „vor den Augen aller“ in einen Bottich verrichten mussten. „Das war die erste wirkliche Demütigung für uns.“

In der Organisation ANED haben sich Überlebende und ihre Angehörigen bereits unmittelbar nach dem Krieg organisiert. 2008 wurde in der Rossaugasse ein Gedenkstein aufgestellt, der an die Deportierten erinnern soll. Dort machte die Delegation auch gestern Station. Zunächst hatte eine kleine Tiroler Radabordnung um LA Thomas Pupp die italienischen Gäste vom Brenner nach Innsbruck begleitet. Dort wurden sie von Matthias Breit, Leiter des Gemeindemuseums Absam, empfangen, der das Treffen organisierte. Mit dabei waren auch drei Schülerinnen der Klasse 7B am BG/BRG Sillgasse, die sich im Unterricht intensiv mit der Geschichte des Lagers Reichenau beschäftigt haben. Ein von Breit begleitetes Schulprojekt folgte den Spuren der Zwangsarbeit in Innsbruck. Die siebten Klassen haben zudem neue Textvorschläge für jenen Gedenkstein in der Rossau erarbeitet, der an das Lager Reichenau erinnert. Im bisherigen Text kommt etwa das Wort „Zwangsarbeit“ überhaupt nicht vor.

Für Vizebürgermeister Christoph Kaufmann, der die Delegation im Bürgersaal des Alten Rathauses begrüßte, ist es „wichtig, dass es Menschen gibt, die das Gedenken aufrechterhalten“. Allzu oft vergesse man, „dass der Zweite Weltkrieg nicht weit weg ist und es auch in Innsbruck ein Lager gab, in dem Gräueltaten geschahen“.

Wegen eines Unfalls trafen die italienischen Radfahrer erst verspätet in Innsbruck ein: Eine Teilnehmerin war auf der Brenner Bundesstraße zu Sturz gekommen, sie wurde mit Kopfverletzungen per Hubschrauber in die Klinik Innsbruck gebracht.


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