Eine Ahnung von Ausweglosigkeit

Präzise getaktet, eindrücklich gespielt: Thomas Krauß inszeniert Florian Zellers „Vater“ in den Kammerspielen.

© TLT/Larl

Innsbruck –Plötzlich ist die Armbanduhr weg. Und, anders lässt sich dieser Umstand kaum erklären, es muss die Zugehfrau gewesen sein, die den Chronographen eingesteckt hat. Oder doch nicht? Hat ihn der Alte (Andreas Wobig), der so großen Wert auf Pünktlichkeit legt, verlegt? Hat er das für einen geregelte­n Tagesablauf notwendig­e Accessoire vielleicht versteckt? Vor lauernden Langfingern in Sicherheit gebracht? So ganz sicher ist er sich da selbst nicht. Und überhaupt: Die Wohnung! Da, wo es bisher immer eine Tür gab, steht jetzt ein Sessel. Und auf dem Sessel sitzt einer, der behauptet, der Schwiegersohn des Alten zu sein. Aber dieser Pierr­e, oder wie auch immer, sah doch ganz anders aus. Und die Tochter erst: Die sah doch noch vor wenigen Minuten ganz anders aus. Die jedenfalls, die ihn jetzt liebe­voll „Pap­a“ nennt und rätselhafte Geschichten erzählt, hat der Alte noch nie gesehen. Da muss man doch aggressiv werden. Es ist zum Verzweifeln. Zum Glück ist inzwischen wenigstens die Uhr wieder da. Oder ist sie vielleicht gar nie weg gewesen?

Das Besondere an Florian Zellers Alzheimer-Drama „Vater“ ist, dass es konsequent aus der Perspektive des Erkrankten erzählt wird. Die Geschichte entwickelt sich dementsprechend weniger linea­r, vielmehr folgt sie einer vagen Kausalität: Ereigniss­e wiederholen sich mit veränderten Vorzeichen. Das deliziöse Hühnchen beispielsweise, das gerade verspeist wurde, wird ein zweites Mal serviert. Wieder von der Tochter. Aber die betritt nicht mehr in Gestalt von Sara Nunius die Bühne, sondern hat sich in Petra Alexandra Pippan verwandelt. Und aus dem Schwiegersohn (Kristoffer Nowak), der die Sperenzchen des Alten langsam leid ist, ist auch ein anderer (Benjamin Schardt) geworden. Wie gesagt: Es ist zum Verzweifeln. Und diese schleichende Verzweiflung spielt Andreas Wobig in Thomas Krauß’ ungemein konzentrierter und präzise getakteter Inszenierung von „Vater“ großartig: Es sind die ganz kleinen Gesten, die den schleichenden Prozess der Auflösung anschaulich machen. Allein Wobigs Blicke: mal verschüchtert, dann herausfordernd, ja erzürnt, letztlich leer.

Und seine Bühnenpartner stehen dem Protagonisten in nichts nach: keine Geste zu viel, kein theatralisches Aufstöhnen oder effektvolles Zetern. So entsteht untergründige Spannung, Beklemmung: eine Ahnung von Ausweglosigkeit, die durch ein ungemein effektives Bühnenbild (Helfried Lauckner) noch gesteigert wird. Der sich permanent verändernde Raum verblast, alles geht auf im eintönige­n Pastell eines gesichts­losen Krankenzimmers, in dem der Alte, inzwischen Opfer allumfassenden Vergessens, nach seiner Mutte­r ruft. Eindrücklich, bedrücken­d. (jole)

TT-ePaper gratis lesen

Die Zeitung jederzeit digital abrufen, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

TT ePaper

Kommentieren


Schlagworte