UK-Wahl: Schwere Zeiten für Konservative trotz überraschenden Siegs

London (APA/AFP) - Allen Umfragen zum Trotz ist Premierminister David Cameron mit seinen konservativen Tories als klarer Sieger aus der brit...

London (APA/AFP) - Allen Umfragen zum Trotz ist Premierminister David Cameron mit seinen konservativen Tories als klarer Sieger aus der britischen Parlamentswahl hervorgegangen. Doch trotz der sogar errungenen absoluten Mehrheit dürften die kommenden fünf Jahre kein Zuckerschlecken für den 48-Jährigen werden.

Denn mit dem frühzeitigen Verzicht auf eine dritte Amtszeit hat er nicht nur unnötig eine Führungsdebatte in den eigenen Reihen losgetreten - auch die verfeindete Schottische Nationalpartei (SNP) dürfte Cameron mit ihrer starken Stellung im künftigen britischen Parlament unter Druck setzen.

Seit 2010 ist Cameron im Amt und konnte dank der Koalition mit der Liberaldemokratischen Partei mit einer komfortablen Mehrheit regieren. Diesmal braucht er gar keinen Partner mehr: Obwohl Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Camerons Tories und der oppositionellen Labour Party von Ed Miliband vorhergesagt hatten, erreichten die Konservativen sogar die absolute Mehrheit. Beobachter erklären dies damit, dass sich viele Menschen scheuten, in Umfragen ein Bekenntnis zu den als Partei der sozialen Kälte verrufenen Konservativen abzugeben - diese aber dann doch wählten.

Seine verheerende Niederlage veranlasste den im Wahlkampf oft ungeschickt agierenden Miliband am Freitag zum Rückzug vom Parteivorsitz, den er sich hart gegen seinen eigenen Bruder David erkämpft hatte. Auch über den bisherigen Koalitionspartner Camerons fällten die Wähler ein vernichtendes Urteil: Die Liberaldemokraten unter Nick Clegg verloren 49 ihrer 57 Sitze - als Konsequenz legte der bisherige Vizepremier den Parteivorsitz nieder. Und auch der Chef der europafeindlichen UKIP, Nigel Farage, erklärte nach dem für ihn enttäuschenden Abschneiden seiner Partei den Rücktritt.

Schuld an dem Debakel für Labour sind auch die schottischen Nationalisten, die der sozialdemokratischen Partei in deren einstiger Hochburg zahlreiche Sitze abjagten. Die Nationalisten aus dem Norden des Vereinigten Königreichs errangen 56 der für Schottland zu vergebenden 59 Sitze im britischen Unterhaus - zuvor waren sie dort nur mit sechs Abgeordneten vertreten.

Dieser enorme Zuwachs führt auf jeden Fall zu einer starken Stimme Schottlands in London. „Der schottische Löwe hat gebrüllt“, sagte der frühere SNP-Chef Alex Salmond. Dies könne niemand mehr ignorieren. Die heutige Parteivorsitzende und schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon kündigte einen Tag vor der Wahl eine „positive und konstruktive Rolle“ ihrer Partei im britischen Unterhaus an.

Und noch ein Kalkül Sturgeons könnte aufgegangen sein: Auch wenn sie öffentlich Miliband unterstützte, soll sie insgeheim auf den Sieg Camerons gehofft haben. Denn dieser könnte womöglich schneller zu einem zweiten Unabhängigkeitsreferendum in Schottland führen. Für das erste hatten im vergangenen Herbst 45 Prozent der Schotten gestimmt. „Die Nationalisten der SNP haben mit dem Referendum eine Schlacht verloren, aber den Krieg haben sie gewonnen“, glaubt auch die Politikwissenschafterin Kate Jenckins von der renommierten London School of Economics (LSE).

Wie lange Cameron nach außen den strahlenden Wahlsieger geben kann, ist also ungewiss. Auch aus den eigenen Reihen könnte ihm schon bald ein kalter Wind ins Gesicht blasen. Noch bevor der Premier seine zweite Amtszeit sicher hatte, kündigte er an, 2020 nicht wieder anzutreten. Auch mögliche Nachfolger brachte Cameron gleich ins Spiel: den Londoner Bürgermeister Boris Johnson und Finanzminister George Osborne. Eine ähnliche Ankündigung des früheren Premierministers Tony Blair war dem Labour-Politiker letztlich zum Verhängnis geworden.

Darüber hinaus dürften die ohnehin nicht einfachen Beziehungen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union nun noch komplizierter werden. Den Europaskeptikern in seiner Partei hat Cameron nämlich für den Fall seiner Wiederwahl ein Referendum über den Verbleib in der ungeliebten EU bis 2017 versprochen. Auch das könnte nun der SNP nutzen. Die europafreundliche Partei hatte sich schon für den Fall eines „Ja“ bei dem Unabhängigkeitsreferendum im vergangenen Jahr Hoffnungen auf eine EU-Aufnahme Schottlands gemacht.


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