„La mere coupable“: Diese Patchworkfamilie hat einen Schatten

Wien (APA) - Schluss mit lustig: Im dritten Teil von Beaumarchais‘ Figaro-Trilogie, „La mere coupable“, ist vom Lustspiel wenig geblieben. 2...

Wien (APA) - Schluss mit lustig: Im dritten Teil von Beaumarchais‘ Figaro-Trilogie, „La mere coupable“, ist vom Lustspiel wenig geblieben. 20 Jahre nach „Figaros Hochzeit“ angesiedelt, zeigt das von Darius Milhaud vertonte Werk eine Patchworkfamilie am Ende ihrer emotionalen Kräfte. Dieses reife Werk deutete Regisseur Herbert Föttinger am Freitagabend im Theater an der Wien als tiefenpsychologisches Spiel.

Diese Patchworkfamilie hat aber auch Stress: Graf Almaviva findet heraus, dass sein vermeintlich jüngerer Sohn einer Affäre seiner Frau entstammt, während diese erfahren muss, dass die vermeintliche Waise, die sie seit Kindheit großzieht, einer Affäre ihres Mannes entsprang. Die Kinder müssen das auch alles verarbeiten, zumal sie auch noch ineinander verliebt sind. Und dann bedroht noch ein Intrigant das „Familienglück“. Wenn es da nicht das vife Dienerpaar Figaro und Suzanne gäbe...

Mit diesem dritten Teil ist das spannende Projekt einer Beaumarchais-Trilogie im Theater an der Wien abgeschlossen, die in dieser Saison mit Giovanni Paisiellos „Il Barbiere di Siviglia“ begann und über Mozarts „Le nozze di Figaro“ nun zu dem fast vergessenen Milhaud-Werk führte. Das Alterswerk des damals 74-jährigen Franzosen aus 1966 war die letzte Oper des Komponisten, der damit ein für ihn ungewöhnliches Stück schuf. Es erinnert weniger an Milhauds neoklassischen Arbeiten, sondern ist vielmehr ein Schauspiel mit Musik.

Die gesprochene Sprache ist die Dominante über die Vokallinien, Arien sucht man vergebens. Vielmehr ist das Werk über weite Strecken semirezitativisch, was „La mere coupable“ einen durchaus trockenen Charakter verleiht. In diese Stimmung führen Föttinger und Dirigent Leo Hussain noch geschmeidig ein, stellen sie dem Werk doch einen Mozart als Ouvertüre voran, der gleichsam als Überleitung zum Vorgänger fungiert. Das eigentliche Milhaud‘sche Universum ist dann durch schnelle Szenenwechsel gekennzeichnet, die Föttinger mit tiefenpsychologischer Symbolik verdoppelt.

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Jeder Charakter hat einen Schatten, der in den ersten beiden Akten das Geschehen in einer zweiten Spielebene erweitert, deutet, konterkariert. Im unpersönlichen Ambiente eines Industriebaus finden sich hinter Schiebetüren einzelne Kammern gleich den unzugänglichen Ecken des Unbewussten. Hier baden die Alter Egos in Blut, suchen nach einem Ausgang, sind gefangen. Erst im letzten Akt greifen die stummen Doubles direkt ins Spiel ein, interagieren mit ihren Pendants. Josefstadt-Direktor Föttinger gelingt so eine sichtlich theatergeschulte Charakterzeichnung in diesem reifsten Stück der Trilogie, das der heutigen Gesellschaft am nächsten steht.

Unterstützt wird diese stimmige Herangehensweise durch ein schauspielerisch stringentes Ensemble. Die junge Dänin Frederikke Kampmann hat als uneheliche Tochter Florestine einen jugendlichen, doch bereits schön unterfütterten Sopran, während der griechische Bariton Aris Argiris als Figaro seinem Herrn nicht nur intellektuell, sondern auch stimmlich überlegen ist. So müht sich der steirische Bariton Markus Butter immer wieder mit den Tiefen seiner Partie des Graf Almaviva. Mit seinem leichten Tenor wieder im Haus als Sohnemann war Andrew Owens als einstiges Mitglied des Jungen Ensembles, während Mireille Delunsch die Familie souverän an der Seite ihrer Dienerin Suzanne in der gewohnt soliden Interpretation von Angelika Kirchschlager ergänzt.

Und auch im Graben zeigte das RSO unter dem britischen Dirigenten Hussain nach einigen dumpfen Anlaufschwierigkeiten die bekannte Spielfreude bei einem nicht leicht zugänglichen Werk. Am Ende stand Jubel für die Beteiligten, in den sich einzig beim Regieteam auch Buhs mischten. Ein interessanter Musik-Theaterabend mit einem spröden Werk, dessen Wiederentdeckung ungeachtet einiger Schroffheiten lohnt.

(S E R V I C E - „La mere coupable“ von Darius Milhaud im Theater an der Wien, Linke Wienzeile 6, 1060 Wien in der Regie von Herbert Föttinger, Bühne: Walter Vogelweider, Kostüme: Birgit Hutter. Es spielt das RSO unter Leitung von Leo Hussain. Mit Markus Butter - Comte Almaviva, Mireille Delunsch - Comtesse Almaviva, Andrew Owens - Leon, Frederikke Kampmann - Florestine, Aris Argiris - Figaro, Angelika Kirchschlager - Suzanne, Stephan Loges - Begearss, Christoph Seidl - Maitre Fal, u.a. Weitere Aufführungen am 10., 12., 15. und 17. Mai. http://go.apa.at/juwH7ztf)


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