70 Jahre Kriegsende - Die Inszenierung steht in Moskau im Mittelpunkt

Moskau (APA) - Der Rote Platz und die Militärparade sind am Samstag zunächst nur Staatschefs, Veteranen und hochrangigen Gästen vorbehalten ...

Moskau (APA) - Der Rote Platz und die Militärparade sind am Samstag zunächst nur Staatschefs, Veteranen und hochrangigen Gästen vorbehalten gewesen. Aber selbst Blicke auf Kriegsgerät zu erheischen, erwies sich für Durchschnittsbürger als mühsam. Bei den zentralen Veranstaltungen zu 70 Jahre Kriegsende stand eine TV-taugliche Inszenierung im Vordergrund, der Begeisterung tat dies jedoch keinen Abbruch.

Es sind große Menschentrauben, die am frühen Samstagvormittag im Zentrum Moskaus aus der Metro strömen. Am Beginn des Nowy Arbat warten Tausende Schaulustige bereits mehr als eine Stunde vor dem Beginn der eigentlichen Parade. Am Straßenrand und hinter Absperrungsgittern, die von zahllosen Polizisten bewacht werden, dominieren spät- und postsowjetische Jahrgänge und auffallend viele junge Familien mit Kleinkindern.

Omnipräsent sind, wie in Moskau auch in den Tagen zuvor, die orange-schwarzen Georgsbändchen, die seit 2005 massenhaft im offiziösen Gedenken an den „Großen Vaterländischen Krieg“ getragen werden. Aber auch Flaggen mit russischer Nationalsymbolik oder mit der Aufschrift „9. Mai“ sind zu sehen. Für 300 Rubel (etwa 5 Euro) und 200 Rubel (etwa 3,5 Euro) sind sie im improvisierten Abverkauf vor Ort noch zu kaufen. Zudem tragen insbesondere junge Frauen die Rotarmistenuniform mit einer sogenannten Pilotka, einer Schiffchen-Mütze, als Kopfbedeckung. Aber auch viele Kleinkinder wurden von ihren Eltern ebenso in dieses Khaki-farbene Outfit aus der Kriegszeit gesteckt.

Die Menschenmenge harrt mehr aus und eine knappe Stunde nach Beginn der Parade am Roten Platz beginnt das große und laute Vorbeirollen. Je größer die vorbeirasende Kriegstechnik ist, desto lauter werden die Jubelrufe. „Hurra“, aber auch „Russland! Russland!“ ist zu hören, begeistert zeigt man über das neue Panzermodell Armata T-14 und grenzenlos frenetisch begrüßt man Interkontinentalraketen vom Typ Topol. Aber auch die einfliegenden Kampfflugzeuge, die unter anderen die Zahl 70 in den Himmel malen, finden Wohlgefallen.

Dass die auf Hochglanz polierte Technik, aus der freundliche Soldaten winken, in realen Konflikten Tod und Verderben bringen könnte, scheint hier keine Rolle zu spielen. Selbst als mehrere Buk-M2 vorbeigeführt werden, ist kein Innehalten zu bemerken. Just dieses Boden-Luft-Raketensystem gilt als einer der Hauptverdächtigen für den tödlichen Abschuss einer malaysischen Boeing im vergangenen Sommer über der Ostukraine.

Nachdem das Kriegsgerät das Zentrum wieder verlassen hat, bewegen sich die Menschen vom Nowy Arbat entlang des Boulevardrings, wo es Ausstellungen, kleine Konzerte und vielfältige Veranstaltungen zur Kriegsthematik gibt. Die besonders Aktiven haben sich hingegen beim „Unsterblichen Regiment“ angemeldet, der womöglich größten Demonstration, die es seit dem Ende der Sowjetunion in Russland gegeben hat.

Offiziell 300.000 Menschen marschieren am Nachmittag die zentrale Twerkskaja-Straße in Richtung Roter Platz, sie halten jeweils Porträts von zumeist Vätern und Großvätern in die Höhe. Am Roten Platz schließt sich kurzfristig auch Präsident Wladimir Putin diesem Marsch an, auch er trägt ein Foto seines Vaters, über dessen Kriegsgeschichte er kürzlich einen ausführlichen Artikel verfasst hatte.

„Ich will damit an meinen Großvater erinnern, der in der Region Krasnodar (Südrussland, Anm.) gefallen ist. Ich bin auch eigens aus Krasnodar nach Moskau gekommen, um hier teilzunehmen“, sagt eine junge Frau namens Julia zur APA und bricht in Tränen aus. Sie trägt wie zwei Söhne im Vorschulalter die Rotarmisten-Uniform.

Um den Kreml können Nichtteilnehmer diesen Marsch unmittelbar nur per Feldstecher beobachten - Moskauer Sonderpolizisten haben ihn weiträumig abgesperrt, im Vordergrund steht - wie auch bei der Parade am Vormittag - das insbesondere fernsehtaugliche Bild. Der Begeisterung über Kriegstechnik am Vormittag und der Aufrichtigkeit der Teilnehmer am Marsch des „Unsterblichen Regiments“ tat dieser Aspekt jedoch keinen Abbruch.


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