Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 04.04.2015


Bikes

Die Emotionalität des Purismus

Retro ist nur der Look: Ducati stellte mit der Scrambler 800 – unter der Schirmherrschaft von Audi – ein fesches und fröhliches Spaß-Eisen auf die Räder.

© Simone BramanteSchlank und rank, simpel im Umgang: Ducatis puristische Reduktion auf die Essenz des Motorradfahrens heißt Scrambler 800.



Von Beatrix Keckeis-Hiller

Wien – Fast könnte man sagen „back to the roots“, zurück in die Zeiten, als die „Maschin’“ noch einen tropfenförmigen Tank hatte, den Motor herzeigte, aus dem Rahmen kein Geheimnis machte und einen unverkleideten Rundscheinwerfer vor sich hertrug.

Das ist der erste Eindruck, den die neue Ducati Scrambler macht. Und dabei Emotionen heraufbeschwört, ähnlich jener, die heute noch angesichts puristischer Fahrmaschinen die Herzen Benzin-Infizierter schneller schlagen ließen.

Ducati spielt bewusst auf der Klaviatur dieser Gefühle. Das Design der Scrambler erinnert an die Vorgängerin der 60er- und 70er-Jahre. Nur hatte die einen Einzylinder-Antrieb. Und die Neue – die Erste aus der Verwandtschaft der Bologneser mit dem VW-Konzern – hat den (mittlerweile klassischen) luft-/öl-gekühlten 90°-V2-Zweiventiler mit Desmodromik. Aus dessen 803 ccm Hubraum holt Ducati für die Scrambler 75 PS (8250 U/min) und 68 Nm (7750 U/min), bei einem Trockengewicht von 170 kg. So retro sie aussehen mag, so heutig ist die periphere Technik. Abgesehen vom digitalen Rundinstrument und dem USB-Anschluss unter der Sitzbank gehören LED-Tagfahrlicht und -Heckleuchte zur Standard-Ausstattung. ABS übrigens ebenfalls.

Aus der Neuen machte Ducati gleich eine eigene Modell-Linie, mit vier Varianten: „Icon“, „Full Throttle“, „Urban Enduro“ und „Classic“ (die Unterschiede bestehen in Details wie Lenkern, Felgen, Sitzbänken, Auspuffendtöpfen etc.) Es handelt sich nach wie vor um echte Ducs, doch sind sie in Darstellung und Auftritt abgekoppelt von Monster, Multi­strada, Panigale, Hypermotard, Streetfighter und Diavel.

Zum Auftakt in die neue Motorrad-Saison stand exakt zum Frühlingsbeginn die „Icon“ am Start. Trotz strahlenden Sonnenscheins überschritt die Quecksilbersäule kaum die 10-Plus-Marke. Was der Scrambler herzlich egal war. Sie ließ sich nicht lange bitten, muckte und spuckte kaum (es standen gerade erst einmal ein paar Kilometer auf dem Zähler), bis das drehfreudige Aggregat sich warmgelaufen hatte. Das war lang genug, um festzustellen, dass sie zwar gar nicht so klein wirkt, aber ein geradezu zartes Eisen ist, mit sehr schmaler Taille, was die extra niedrige Sitzhöhe (770 bis 790 Millimeter) noch ein wenig tiefer erscheinen lässt. Dass Geometrie und Ergonomie auf den Punkt gelungen sind, das zeigte sich auf den ersten Pflasterstein-Metern. Und dass sie Agilität und Wendigkeit beherrscht, das demonstrierte sie elegant wie gewandt im ersten Ampel-Rückstau. Auf Schnellstraße sowie Autobahn spielt sie ihre 75 PS aus, ohne sich bitten zu lassen. Die Verzögerungsleistung der vorderen Mono-Scheibenbremse (mit Monobloc-Zange) ist nicht brachial, dafür zuverlässig und punktgenau.

Der Einstieg in die Scrambler-Familie kostet 9595 Euro. Das ist der Preis für die „Icon“. Die anderen Varianten kosten jeweils 10.595 Euro. An Accessoires und Zubehör hat Ducati eine reichhaltige Auswahl zur Individualisierung parat. Auch passend abgestimmte Bekleidung ist zu haben.