Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 16.09.2017


Motor News

Kraftvolles und Kraftraubendes

Von deutschen Exponaten lebt die heurige Internationale Automobil-Ausstellung, Italiener, Amerikaner und Franzosen sind in Minimalbesetzung da, die Japaner sparen mit Neuheiten – lediglich die Koreaner bieten Paroli.

© Riesig ist das Interesse am seriennahen Showcar Mercedes-AMG Project One, einem hybriden Hypercar, limitiert auf 275 Stück. Noch im Entwurfsstadium sind auch der I.D. Crozz (Volkswagen), die „8 Series“ von BMW und der Elaine von Audi (eine Weiterentwicklung des e-tron Sportback).Fotos: Höscheler



Von Markus Höscheler

Frankfurt – Die IAA lebt schon seit geraumer Zeit von Widersprüchen, heuer ist es nicht anders. Bei den Vorgänger-Veranstaltungen in diesem und im vorigen Jahrzehnt bestand die Kluft eher zwischen Visionärem und den Brot-und-Butter-Autos. Jetzt besteht der Gegensatz zwischen jenen, die am Main Präsenz zeigen, und jenen, die der Bankenmetropole lieber fernbleiben. Vor allem die deutschen Produzenten leisten einen Kraftakt mit ihrer Vielzahl an Neuvorstellungen und Studien, zelebrieren einmal mehr den Spagat zwischen erhoffter Zukunft und leistbarer Gegenwart. Dem stehen Marken wie Volvo, Peugeot und Fiat gegenüber, die die IAA wegen hoher Standmieten und vergleichsweise unzureichender Beachtung als etwas Kraftraubendes betrachten. Diese Perspektiven teilen interessanterweise auch einige Vertreter von Automarken, die trotzdem der IAA die Treue halten. Zumindest heuer.

Ins Auge sticht auch hier wieder ein Gegensatz, die Neuheitenverteilung: Die Deutschen und die Koreaner schöpfen aus dem Vollen, der Rest tut sich großteils schwer mit Überraschungen. Mazda beispielsweise feiert einmal mehr die zweite CX-5-Präsentation, kann für diesen immerhin einen neuen Topbenziner anbieten. Toyota und die Tochtermarke Lexus sind mit überarbeiteten Modellen des Land Cruiser, des NX und des CT 200h sowie einem C-HR-Showcar am Stand vertreten. Mit einem Derivat des Swift (Sport) macht Suzuki auf sich aufmerksam. Konkurrent Su­baru konzentriert sich auf die Europapremiere des Impreza, Honda auf zwei Konzepte – während Nissan, Infiniti und Mitsubishi auf die IAA verzichten. Nicht nur die Japaner zeigen sich dezent im Hintergrund, auch die Italiener: Der bunte Auftritt von Fiat, begleitet von unzähligen Hostessen, ist Geschichte, auch die Tochtermarken Alfa Romeo, Lancia und Jeep fehlen. Immerhin ist die Verwandtschaft von Ferrari (mit California-Nachfolger Portofino) und Maserati (Facelift für fast alle Modelle) zugegen.

Und die mediterranen Nachbarn? Peugeot und DS suchen die Autofans auf der IAA vergeblich, lediglich Citroën bewirbt den C3-Picasso-Nachfolger C3 Aircross, ein subkompaktes Sport Utility Vehicle. Die Neo-Tochter der Groupe PSA, Opel, kann immerhin den Insignia Country Tourer, den Insignia Grand Sport GSi und den Grandland X ins Rampenlicht rücken. Renault beschränkt sich auf die Topversion des Mégane, den R.S, während die Tochtermarke Dacia immerhin mit dem Duster-Nachfolger ein Glanzlicht setzt.

Nach dem weitgehenden Rückzug von General Motors aus Europa – selbst Cadillac und Chevrolet hinterlassen keine Spuren – muss Ford für die USA die Hauptverantwortung tragen. Drei Facelifts stehen im Zentrum des Auftritts – die Adaptierungen des EcoSport, des Mustang und des Tourneo Custom. Mit einem Concept Car des Focus kann Ford leider nicht dienen – Studien, das zeigt sich während des Rundgangs, sind bevorzugt Sache der Deutschen. BMW zum Beispiel zeigt deren fünf: Z4 Concept, X7 Concept, „i Vision Dynamics“, Series 8 und einen elektrischen Mini. Damit nicht genug: Auch die neueste X3-Generation, der 6er GT und Facelifts der 2er-Reihe legen nahe, dass BMW in der nahen Zukunft die Händler und die Autokäufer mit neuen Modellen zu überzeugen versucht. Konkurrent Daimler braucht sich nicht hinter der Münchner Konkurrenz zu verstecken: Die Hauptmarke Mercedes glänzt mit dem Hypercar Project One und dem Elektroautokonzept EQA, außerdem mit dem Vorserienmodell GLC F-Cell, dem überarbeiteten S-Klasse Coupé/Cabrio und dem Pick-up X-Klasse. Und mit einem autonom fahrenden Entwurf hinterlässt die Submarke Smart einen sichtbaren Eindruck.

Respekt verdient außerdem das Portfolio des VW-Konzerns: Die Kernmarke Volkswagen feiert den T-Roc und den Polo GTI, außerdem die adaptierte E-Studie I.D. Crozz. Üppig fällt der Auftritt von Audi aus, wenn auch reduzierter als bei früheren Messen: Die zwei Entwürfe Elaine und Aicon stehen für autonomes Fahren auf den beiden höchsten Stufen (Level 4 und Level 5) und begleiten somit die Einführung der neuen A8-Generation (Level 3). Dazu kommen das Heckantriebsmodell des R8 (limitiert) und das neue Derivat RS 4 Avant. Auch Škoda zeigt Zukunft und Gegenwart mit dem Elektroauto Vision S beziehungsweise dem kompakten SUV Karoq. Eine Stufe darunter bewirbt Seat den neuen Arona, im Exklusivbereich sehen wir Lamborghini Aventador S Roadster, Bentley Continental GT und Porsche Cayenne.

Von den Nichtdeutschen nutzt vor allem Kia die IAA für ein Neuheiten-Feuerwerk: eine knackige Ceed-Vorläuferstudie, der Stonic und der Stinger peppen den Korea-Stand auf. Auch Hyundai kann mit Kona, i30 Fastback und i30N Glanzvolles anpreisen.

Und die Briten rund um Jaguar Land Rover? E-Pace, XF Sportbrake und Discovery SVX – auf jeden Fall Kraftvolles am kraftraubenden Areal der Internationalen Automobil-Ausstellung.