Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 10.03.2018


Motor News

„Dieser blutige Kampf“

Im TT-Interview spricht Audi-Vorstandsvorsitzender Rupert Stadler über städtische Fahrverbote, den Hype bei der Elektromobilität und die geplanten Änderungen beim A4.

© Rupert Stadler zeigt auf dem Genfer Autosalon die neue Generation der Oberklasse-Limousine A6. Der Kombi Avant wird Mitte April vorgestellt.Fotos: Höscheler



Hat sich für Sie durch die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts, Fahrverbote für Dieselfahrzeuge zuzulassen, etwas verändert?

Rupert Stadler: Wenn man sich die Begründung durchliest, dann verstehe ich die ganze Diskussion aber nicht. Die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts ist, dass die Städte die Entscheidungen treffen. Fahrverbote sind möglich, aber sie sind als Ultima Ratio zu sehen. Sie sind nur dann zulässig, wenn andere Maßnahmen zur Luftreinhaltung nicht ausreichen. Und: Sie müssen verhältnismäßig sein. Die Sachlichkeit ist in dieser Diskussion leider zum Teil abhandengekommen. Wir werden weiter an der Dieseltechnologie arbeiten, denn wir sind der festen Überzeugung, dass uns der Diesel in Europa helfen wird, die CO2-Verpflichtungen zu erfüllen.

Wenn Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer zum Schluss kommt, dass der Diesel in den nächsten vier, fünf Jahren aus vielen Pkw-Segmenten verschwindet ...

Stadler: ... Dann sage ich: Gerne sehen wir uns in vier, fünf Jahren wieder — und ich werde ihm zeigen, wo wir stehen. Die Situation und die Diskussion wird sich wieder versachlichen müssen. Die Alternative wäre, dass alle aufs Elektroauto aufspringen — aber das wird auch nicht passieren. Das heißt: Wir haben eine technologische Übergangsphase für die nächsten zehn Jahre zu gestalten. Da wird die eine Technologie etwas abnehmen, die andere etwas zulegen.

Wenn man sich in Genf beim Autosalon umsieht, scheint das Thema Elektromobilität noch nicht die ganze Branche erfasst zu haben — wie ist Ihr Eindruck?

Stadler: Gerade im Premiumbereich ist die Elektromobilität schon ein Thema. Ich bin der Überzeugung, dass das nachhaltige Gedankengut bei den Premiumkunden sich darin niederschlägt, was sie fahren. Wenn die ersten Kunden am Stammtisch über ihre Erlebnisse mit Elektroautos reden wie über die starke Beschleunigung oder über die große Reichweite, dann wird das Stadtgespräch. Aber in dieser Phase sind wir noch nicht ganz.

Vor zwei Jahren hätte man noch den Eindruck haben können, ab dem Jahr 2018 fahren alle elektrisch ...

Stadler: ... Wir sind ja nicht neu in der Industrie. Manche Themen bekommen einen Hype, die kann man nicht mehr deckeln. Irgendwann reguliert sich das auf ein gerüttelt Maß an Normalität herunter. Die Normalität ist unser Geschäftsbegleiter, nicht die Ausnahme.

Um noch einmal auf den Diesel zurückzukommen: Wie viel wird von den Mehrkosten der Abgasreinigung auf die Kunden abgewälzt?

Stadler: In den letzten paar Jahren haben wir wahnsinnig viel Technik reingesteckt und wir werden noch weiter viel Technik reinstecken müssen. Das gilt nicht nur für die Diesel, sondern auch für die Benziner hinsichtlich der Partikelfilter. Außerdem haben wir Verschärfungen bezüglich Realverbräuchen. Da braucht es noch einmal Abgasreinigungsstufen mit Edelmetallen, die Geld kosten. Fakt ist: Unterm Strich wird Mobilität eher ein bisschen teurer. Autonomes Fahren, Assistenzsysteme bis zum Abwinken — das gibt es nicht ohne Gebühr.

Die Forderung nach einer Hardware-Nachrüstung für Dieselfahrzeuge ist wieder stärker geworden. Ist das für Sie von Belang?

Stadler: Das ist für mich kein Thema. Wenn Sie noch einmal zurückgehen zum Bundesverwaltungsgericht, dann sollen die Maßnahmenpakete so geschnürt werden, dass sie eine schnelle Wirkung erzeugen. Eine schnelle Wirkung — das haben wir nachgewiesen und auch mit den Behörden besprochen — erzeugen wir durch neue Software-Konfigurationen.

Befürchten Sie nach Trumps Zoll-Ankündigung einen internationalen Handelskrieg?

Stadler: Ich reagiere ungern auf Nebelgranaten. Wir haben die feste Absicht, in Nordamerika zu wachsen. Keiner hat ein Interesse an einem Handelskrieg.

Vor wenigen Wochen lancierte das Handelsblatt einen Bericht über eine Art doppeltes Facelift für das Problemkind A4 — wird das so kommen?

Stadler: Erstens: Der A4 wird unter Wert geschlagen, er ist in Europa immer noch das führende Auto in seinem Segment. Zweitens: Der A4 wird ein bisschen mehr Pflege bekommen. Jetzt, wo der A8 und der A7 draußen sind, müssen wir auch unser Kernprodukt pflegen. Der A4 ist das Rückgrat unseres Unternehmens, er ist für uns das, was bei VW der Golf ist. Er bekommt im Laufe des Jahres 2018 ein paar schicke Maßnahmen und wir haben eine Aufwertung im nächsten Jahr vor.

Stimmen die kolportierten Kosten von rund 700 Millionen Euro?

Stadler: Nein, das ist falsch. Ein paar hundert Millionen Euro sind es aber schon.

Immer wieder wird Kritik am Design des A4 ventiliert. In­teressiert das nur die Fachwelt, den Kunden eher nicht?

Stadler: Die Kunden lieben das Auto und das Design. Nicht jeder Kunde ist gleich progressiv. Der A4 ist bei uns ein Klassiker, der muss sofort erkennbar sein. Vielleicht hätte er noch einen Sprung machen müssen, aber hinterher bist du immer klüger. Das macht nichts, der A4 ist sehr erfolgreich, wir werden dieses Auto hegen und pflegen.

Im Vorjahr hat Audi in Österreich Marktanteile verloren — woran liegt das?

Stadler: Ich verfolge den österreichischen Markt sehr intensiv. So brutal wettbewerbsintensiv, also nachlassorientiert, war es in Österreich noch nie. Wir haben diesen blutigen Kampf nur begrenzt mitgemacht, weil man ein tolles Produkt nicht unter Wert verkaufen muss.

Zuletzt häuften sich wieder Berichte über Ihre berufliche Zukunft. Schmerzt es Sie, wenn es heißt, Ihre Position als Vorstandsvorsitzender wackelt infolge des 2015 bekannt gewordenen Dieselskandals?

Stadler: Ich habe einen Vertrag bei Audi, der bis 2022 verlängert worden ist.

Wie viel hat die Diesel-Affäre der Marke Audi geschadet?

Stadler: Das ist schwer zu sagen. Der Reputation hat es sicher geschadet. Die beste Antwort aber ist: tolle neue Produkte. Davon wird es heuer viele geben.

Das Interview führte Markus Höscheler




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