Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 25.11.2017


Nutzfahrzeuge

E-Virus steckt Nutzfahrzeugbranche an

Im zweiten Halbjahr 2018 beginnt Mercedes mit der Elektrifizierung der Nutzfahrzeugflotte – den Start übernimmt der eVito mit einer realistischen Reichweite von 150 Kilometern.

© Unter Zugzwang: Immer mehr Hersteller gehen dazu über, ihr Nutzfahrzeugangebot mit Elektrovarianten anzureichern. Mercedes steigt im nächsten Jahr offiziell ein.Fotos: Hersteller



Von Markus Höscheler

Berlin – Als Provokateur trat vor einigen Tagen einmal mehr Tesla auf. Der kalifornische Auto­hersteller ist seit Jahren Impulsgeber für die Elektromobilität, einer, der in der Lage ist, einen Medienhyp­e auszulösen, wenngleich die Profitabilität in höchstem Maß­e zu wünschen übrig lässt. Doch Tesla-Chef Elon Musk schien sich nicht beirren zu lassen und stellte nach einiger Verzögerung den Elektro-Truck Semi vor. Vier Motoren an den Hinterachsen übernehmen die Aufgabe, den Lastwagen voranzubringen, die einmalige Reichweite wird mit optimistischen 480 bis 800 Kilometern angegeben, der Preis beläuft sich auf 150.000 bis 180.000 US-Dollar (127.600 bis 153.110 Euro), der Tarif für die Reservierung beträgt 20.000 US-Dollar (17.010 Euro).

Dabei ist Tesla nicht der erste Hersteller, der alternative Antriebe in der Nutzfahrzeugbranche verbreiten möchte. Bosch arbeitet beispielsweis­e mit dem amerikanischen Start-up-Unternehmen Nikol­a zusammen, um Anfang des nächsten Jahrzehnts einem Lkw zur Serienreife zu verhelfen, der mit einer Wasserstoffbrennstoffzelle fährt. Und bei kleineren Nfz-Karosserien gibt es bereits Marktfähiges, etwa der e-NV 200 von Nissan oder der Kangoo Z. E. von Renault – Fahrzeuge mit Lithium-Ionen-Akkus und Elektromotoren. Mit genau so einer Kombination wagt sich im nächsten Jahr der strategische Partner von Renault/Nissan, Daimler, auf den Markt. Mercedes möchte im zweiten Halbjahr 2018 den eVito lancieren, im Jahr darauf den eSprinter und dann schließlich eine elektrifizierte Variante des City-Lieferwagens Citan (mit Kangoo-Basis).

Mit ersten Versuchsträgern des eVito war die Tiroler Tageszeitung in dieser Woche in Berlin unterwegs – sowohl mit einem Kastenwagen als auch einem Personentransporter. Bei beiden Modellen ist mit einer realistischen Reichweite von 150 Kilometern zu rechnen, auch wenn die Kapazität des Lithium-Ionen-Akkus mehr als 41 Kilowattstunden beträgt. Solche Speicher-Pakete würden im Pkw-Bereich Reichweiten von 250 bis ca. 350 Kilometern ermöglichen, bei den Nutzfahrzeugen kommt aber im wahrsten Sinne Erschwerendes hinzu: Der eVit­o ist auf ein Gesamtgewicht von 3,2 Tonnen ausgelegt, eine Nutzlast von rund einer Tonne eingeschlossen. Damit könnte das Modell beispielsweise problemlos in urbanen Zentren für den Paketlieferservice dienen – zumal der E-Antrieb samt Akku keine Einbußen für den Laderaum bedeuten.

Einschränkungen gibt es beim Tempo: Der 110 PS (84 Kilowatt) starke eVito kann maximal 120 km/h fahren (auf Kundenwunsch auch nur 80 km/h), um den Energiehaushalt zu schonen. Fürs Anfahren reicht das satte Drehmoment von 300 Newtonmetern, wie die ersten Proberunden mit dem eVito in der deutschen Hauptstadt zeigten. Auch wenn es sich dabei noch um Vorserienfahrzeuge handelt, geht es zügig und harmonisch voran, außerdem bietet Daimlers Elektroauto drei Rekuperationsstufen beim Bremsen an, unkompliziert einzustellen via Lenkrad-Wipptasten.

Komplizierter wird es hingegen beim Rundum-Paket, das den eVito bei der Markteinführung begleiten wird – denn die Schwaben wollen die Kunden nach dem Kauf nicht allein lassen, sondern ihnen bei den Transportdiensten, der Ladelogistik (Ladedauer: sechs Stunden), der Routenoptimierung, der Spitzenabdeckung (mit Mietwagen) und vielem mehr behilflich sein. Außerdem geht Mercedes davon aus, dass der eVito (Anschaffungspreis in Deutschland: 39.990 Euro nett­o) über die Lebensdauer in puncto Kosten mit einem vergleichbaren Diesel mithalten können wird. Nebenbei: Bei den kleineren e-Transportern zeichnet sich vorerst keine Tesla-Konkurrenz ab.