Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 07.07.2018


Nutzfahrzeuge

Leiser liefern unter Strom

So fahren Handwerker und Lieferdienste eventuell in der Zukunft: Erste Eindrücke mit den elektrischen Lieferwagen von Mercedes.

© WerkFamilienaufstellung: Äußerlich unterscheiden sich eVito und eSprinter nicht von ihren Verbrennungsmotor-Geschwistern.



Hamburg – Realistische 100 bis theoretisch maximal 150 Kilometer? Wer die beiden elektrischen Lastenesel mit dem Stern nach der schieren Reichweite aburteilt, zielt Kilometer an ihrer tatsächlichen Bestimmung vorbei. Die liegt ausschließlich im innerstädtischen Bereich, wo der Bedarf an Liefer- und Serviceleistungen steigend, die Distanzen gering, die Lärm- und Schadstoffbelastung aber hoch ist. Tatsächlich legt selbst ein gut gebuchter Paketdienst hier kaum 100 Kilometer am Tag zurück, ein Handwerker mit den entsprechenden Stehzeiten, während er beim Kunden seine Arbeit verrichtet, oft weniger als die Hälfte. Ein elektrisches Modell wird aber dennoch nur bestehen, wenn es in den Gesamtkosten aus Anschaffung oder Leasing sowie Betrieb mit dem Diesel mithält. Damit schon heute jeder kommerzielle Nutzer beurteilen kann, ob die eDrive-Benze theoretisch für sein Fahrmuster geeignet sind, bietet Mercedes eine App an, die alle zurückgelegten Wege mit den Nutzungsprofilen seiner Strom-Modelle in Echtzeit abgleicht. Weil die Reichweiten bei elektrischen Antrieben stark temperaturabhängig sind, gibt es auch eine entsprechende Funktion, um den aktuellen Weg bei starken Minus- oder hohen Sommertemperaturen abzugleichen.

Technisch bedienen sich die beiden Vollzeitelektriker aus der Bestückung der noblen S-Klasse: Das Akku-Pack, von denen der eVito drei, der eSprinter optional auch vier zwischen den Achsen im Fahrzeugboden verbaut hat, stammt aus dem Plug-in-Hybrid der Stuttgarter Premiumlimousine. Die Batteriegewichte kosten gegenüber den Verbrenner-Versionen geringfügig Nutzlast, beim Volumen liegen sie etwa gleichauf. Im Handling und bei den Fahreigenschaften wirkt sich der tiefe Schwerpunkt sogar positiv aus und sorgt für ein satteres Gefühl auf der Straße. Die Energierekuperation ist vierstufig variierbar, die stärkste Auslegung ersetzt praktisch die Betriebsbremse und ermöglicht damit das Fahren im Ein-Pedal-Modus. Dazu sind drei Fahrmodi wählbar, die zusätzlich zur Energieeffizienz beitragen.

Beide eDrive-Vans leisten 115 PS und 300 Newtonmeter, können abgesehen von Volumen und Länge auch in der Höchstgeschwindigkeit mit 120, 100 oder auch nur 80 km/h zugunsten der jeweiligen Reichweite konfiguriert werden. Als Ladezeit an einer Wallbox gibt Mercedes 45 Minuten für 80 Prozent der Maximalkapazität an, an der 220-Volt-Dose dauert das vollständige Laden der Akkus 6 Stunden. Gekauft oder geleast wird das Fahrzeug jeweils komplett mit den Batterien, für die eine Garantie für acht Jahre oder 100.000 Kilometer über mindestens 70 Prozent der Nominalleistung gegeben wird. Wer nicht mehr als 50 Kilometer je Arbeitstag abspult, schafft beide Limits etwa deckungsgleich. Bei der doppelten Tagesdistanz ist die Gewährleistungsgrenze nach vier Jahren erreicht, was auch der üblichen Leasingdauer entspricht.

Die Österreich-Preise für den Mitte 2019 startenden eVito und den ein halbes Jahr danach folgenden eSprinter stehen noch nicht fest. Boni- und startangebotsbereinigt dürften sie sich netto in etwa im Bereich des Doppelten des jeweiligen Einstiegs-Diesels bewegen. Am Ende entscheiden also vorerst noch die Steuerfreiheit, staatliche Anschaffungsprämien und regionale Betriebserleichterungen wie Gratisparken oder günstiger Nachtstrom das Rennen um die Gesamtwirtschaftlichkeit. (pabs)