Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 02.11.2019


Nutzfahrzeuge

Renault Twingo zeigt sich erstaunlich klein und überraschend groß

Was klein ist, läuft Gefahr unterschätzt zu werden: Der überarbeitete Renault Twingo mit seinen radikal geringen Maßen sorgt durch sportlich-stylischen Auftritt und Praxistauglichkeit für Aha-Erlebnisse.

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Von Martin Lugger

Innsbruck – Der Twingo ist längst ein Evergreen der Kleinstwagenklasse und kann als Synonym des praktikablen und zuverlässigen Stadtflitzers gelten. Mit dem im Frühsommer veröffentlichten Modell-Update schafft es Renault dennoch, das City-Car-Segment gehörig aufzumischen. Dies gelingt mit geschickt gewählten technischen Neuerungen ebenso wie mit einem dezenten, aber wirkungsvollen Facelift.

Im Innenraum fällt zuerst das Online-Multimediasystem „Easy Link“ ins Auge, das mit einem gut ablesbaren, einfach zu bedienenden 7-Zoll-Touchscreen überzeugt. Das Cockpit verfügt nun über integrierte Schalter für Tempomat und Geschwindigkeitsbegrenzer sowie die benzinsparende Start-Stop-Automatik und den ECO-Mode. Markant fallen die äußerlichen Änderungen aus. Die Front mit den mächtigen Lufteinlässen wirkt wie auch das Heck erwachsener, die edlen LED-Scheinwerfer mit integrierten Blinkern unterstreichen die großen Ambitionen des mutmaßlichen Underdogs. Understatement ist diesmal nicht das Motto: Der neue Twingo markiert stolz an allen Ecken und Enden Sportlichkeit und Style.

Kenner wissen um seine Qualitäten, Neulinge kann der Twingo auf vielen Ebenen überraschen. Beim ersten Einsteigen erstaunt das enorme Platzangebot auf Fahrer- und Beifahrerseite, hier spielt der Knirps locker in der Mittelklasse mit. Der Fond hingegen zollt den geringen Maßen dann aber Tribut. Die Rücksitze sind wohl für Kinder gedacht – allerdings für jene vor dem ersten Wachstumsschub. Als echtes Familienauto ist der Twingo auch nicht konzipiert. Dagegen besteht er den gepäcklastigen Reisetest mit Bravour. Mit umgelegter Rückbank überzeugt das großzügige Kofferraumvolumen vollends. Dank umklappbarer Beifahrerlehne macht der Twingo sogar auf Kombi.

Einen weiteren Wow-Effekt bewirkt das winzige 899-cm³-Dreizylinderaggregat. Ist der etwas lahme Drehzahlkeller überwunden, tanzt der quirlige Turbomotor souverän über das restliche Drehzahlband – und entlockt dem Endtopf im höheren Tourenbereich gar einen kernigen Sound. Mit wirklich ordentlichem Durchzug ist das 93-PS-Triebwerk wesentlich potenter, als es die Papierform vermuten lässt – und wirkt auch auf längeren Autobahnstrecken sowie Aufwärtspassagen nicht überfordert.

Bei allzu engagierter Gangart offenbaren spätestens die angenehm starken Bremsen dann aber die Schwächen des schwammigen Fahrwerks, das den sportlichen Anspruch des frechen Winzlings etwas ins Leere laufen lässt. Seine Paradedisziplin aber bleibt ohnehin der Stadtverkehr. Durch den Heckmotor ist die Front sehr kurz, der Einschlag sorgt zudem für einen konkurrenzlos kleinen Wendekreis – noch nie war Einparken spaßiger.

Das Fahrwerk und die seltsam umständlich gelöste „Motorhaube“ für die Kontrolle der Flüssigkeiten bleiben die einzigen Wermutstropfen eines ansonsten beeindruckenden Kleinstwagens. Die Preise starten bei günstigen 9990 Euro – das Testexemplar mit Top-Ausstattung und umfangreichen Extras fischt dagegen mit seinen 17.000 Euro bereits in größeren Gewässern.