Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 04.11.2017


Volvo

Die Mär vom braven Schweden

Vier Töpfe reichen zum Brodeln: Der doppelt aufgeladene Zweiliter-Benziner zieht den S60 Polestar von Volvo unermüdlich in alpine Höhen, Dynamikfahrwerk und Überraschungslenkung erledigen den Rest.

© HöschelerOptisch ist er auffällig, akustisch ohnehin: der S60 Polestar, bestückt mit einem 367 PS starken Zweiliter-Vierzylinder-Turbobenziner.



Von Markus Höscheler

Moos in Passeier – Einem Redaktionsmitglied entkam nach einer kurzen Probefahrt folgende spontane Äußerung, unterstrichen mit einem Lächeln: „Volvo kann ja doch Autos bauen.“ Nun, das ist unbestritten, aber der Kollege – und nicht nur er – bemängelte bei früheren Erfahrungen mit Volvo-Testern immer wieder die eher gefühllose Lenkung. Dass das auch anders gehen kann, zeigt die hauseigene Veredelungs-Tochter (und nunmehrige Eigenmarke) Polestar.

Der Tuner nahm sich die mittlerweile schon leicht angejahrte Mittelklasse-Limousine S60 vor und trimmte sie auf mehr Dynamik. Eine erste Maßnahme traf den Motor, in diesem Fall ein aufgeladener Zweiliter-Vierzylinder-Benziner. Der liefert im gewöhnlichen S60 T6 schon starke 306 PS, dank Adaptierungen durch Polestar sind es nun 367 PS. Vor allem dieser Steigerung ist es zu verdanken, dass der S60 Polestar in nur 4,7 Sekunden von null auf 100 km/h stürmt, recht brachial untermauert vom Schall des Vierzylinders und sportlich-dynamisch unterstützt von einem wachsamen Achtgang-Automatikgetriebe. Dieses kann der Fahrer schalten und walten lassen – oder er bringt sich selbst mit den Schaltwippen ein. Genau das empfehlen wir, wenn es berg- oder talwärts geht, etwa vor und hinter dem Jaufenpass oder vor und hinter dem Timmelsjoch. Hier entfaltet der Reihenvierzylinder seine immense Kraft – und dank des serienmäßig verbauten Allradantriebs verpufft nicht das Geringste am Asphalt.

Eine zweite Maßnahme betraf das Volant – Volvo spricht hier von einer „eigens für Pole­star kalibrierten Lenkung“. Und die erstaunt ob ihrer für skandinavische Verhältnisse ungewohnten Direktheit und Präzision. Die Kurven und Kehren der Nord- und Südtiroler Passstraßen sind für den Top-S60 auf alle Fälle ein gefundenes Fressen – auch dank einer dritten Maßnahme. Die betrifft die Stoßdämpfer (Öhlins), die das Fahrwerk berechenbarer machen. Bei den von uns vorgenommenen, als ausreichend zügig erlebten Richtungswechseln klebte der Polestar jedenfalls sicher am Boden. Eine vierte Modifikation betrifft die Brembo-Bremsen, die vorne wie hinten belüftet sind. Die Anlage nimmt die lebenswichtigen Verzögerungsaufgaben sehr ernst – aber hier merken die Insassen, dass der 4,64 Meter lange S60 immerhin 1,75 Tonnen wiegt. Insofern überrascht es dann nicht, dass der Bordcomputer des S60 Polestar am Ende unseres Ausflugs einen Durchschnittsverbrauch von 13,2 Litern anzeigt.

An dieser Stelle ließen sich noch weitere Adaptierungen aufzählen, die dem S60 Polestar seinen eigenständigen Charakter aufdrücken – Volvo spricht hier von insgesamt 250 veränderten Bauteilen. Dass diese Vornahme eine Repräsentanz in der Preisliste findet, und zwar im oberen Bereich, dürfte auf Verständnis stoßen: Mit 67.900 Euro begnügt sich der zuständige Händler.

Mit dem Betrag zahlt der Käufer allerdings nicht nur Fahrspaß pur, sondern auch eine bekömmliche Innenausstattung: Hierzu zählen wir eine Aluminium-Pedalerie, elektrisch verstellbare Vordersitze (natürlich in Sportleder ausgeführt), eine Rückfahrkamera, beheizbare Fondsitze (außen), Einparkhilfe vorne wie hinten, Polestar-Design-Details und das Sensus-Navigationssystem. Dieses ist aber, zugegeben, schon etwas veraltet, wenn wir es mit neueren Volvo-Modellen wie dem XC90 oder dem XC60 vergleichen.

Sollten Interessenten mit dem etwas knappen Laderaum (380 Liter) hadern, dann gibt es mit der Kombi-Variante, dem V60 Polestar, eine geräumigere und doch nahezu gleich schnelle Alternative. Er kostet allerdings 2000 Euro mehr. Das eingangs erwähnte Redaktionsmitglied ist noch am Überlegen.




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