Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 30.06.2018


Test

Der kleine Teufel fährt Bentley

Bis zu 333 km/h schnell kann der neue Continental GT fahren, angetrieben von einem 635 PS starken Zwölfzylinder und gezähmt von einer ausgewogenen Fahrwerksabstimmung.

© HöschelerDer neue Continental GT.



Von Markus Höscheler

Mittersill – Ältere Semester können sich vielleicht mit Schaudern an den Film Das Omen aus den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts erinnern – im Horrorstreifen kennzeichnete die Zahl 666 den Gottseibeiuns. Um dem Diabolischen aus dem Weg zu gehen, bietet sich die Halbierung der Zahl an – und schon erreichen wir die Höchstgeschwindigkeit, die der Continental GT der dritten Generation zu fahren in der Lage ist. Tempi jenseits der 300-km/h-Marke sind für die Luxussportwagenmarke aus dem Hause Volkswagen fast schon ein Muss, zumal selbst das wuchtige Sport Utility Vehicle Bentayga in dieser Liga mitfährt. Dem hat der neue Continental GT, den die TT kürzlich in Kitzbühel und Umgebung fahren konnte, jedoch einiges voraus, vor allem ein neues Instrumentarium, volldigital ausgeführt, und ein topmodernes Infotainmentsystem mit großzügig gestaltetem Touchscreen samt logisch erscheinendem Bedienmenü. Dank „Rotating“-Modus verschwindet der Bildschirm beim Abstellen des Fahrzeugs hinter einer Abdeckung. Hier hat das Sportcoupé gegenüber dem früheren Modell einen Riesensprung gemacht – und nicht nur hier, wenn wir uns auf das Äußere konzentrieren. Massiver Kühlergrill und vier Rundleuchten sind zwar im Großen und Ganzen als Markenzeichen geblieben, der kecke und markante Heckabschluss hebt die dritte Generation aber rasch vom Vorgänger ab. Zudem wirkt die Motorhaube länger, die geschwungene Dachlinie und die massiven Seitenschweller verleihen dem Briten höchste Dynamik.

Diese ist keine optische Täuschung, dafür bürgt das installierte W12-Triebwerk mit sechs Litern Hubraum und zwei Turboladern. Das Aggregat leistet 635 PS und stemmt ein maximales Drehmoment von 900 Newtonmetern. Abseits eines ausgezeichneten Klangbilds schafft der Benziner einen eleganten Sprint – von null auf 100 km/h vergehen 3,7 Sekunden bei durchgetretenem Gaspedal. Technikfreunde dürften sich dafür interessieren, dass sich der W12 in bestimmten Fahrsituationen der verbrauchssparenden Zylinderabschaltung bedient – am Prüfstand begnügt sich der Motor mit 12,2 Litern Treibstoff je 100 Kilometer, der CO2-Ausstoß liegt bei 278 g/km.

Das Schalten übernimmt eine Achtgang-Doppelkupplung. Die wechselt die Stufen durchaus merkbar, aber ausreichend komfortabel und immer zielsicher, praktisch in allen verfügbaren Fahrmodi. Der Fahrsicherheit förderlich, auch und vor allem auf kurvenreichen Bergstraßen Mitteleuropas, ist der werksseitig eingebaute Allradantrieb, der im Wesentlichen heckorientiert arbeitet. Vertrauen kreiert zudem das Fahrwerk, das sich verschieden abstimmen lässt – Comfort, Bentley und Sport –, jedoch nie zu straff oder zu schaukelig agiert. Schroffe Fahrbahnunebenheiten bügelt der 2+2-Sitzer erwartungsgemäß gekonnt weg – obwohl Aluräder mit mindestens 21 Zoll Durchmesser an den Flanken montiert sind. Mitverantwortlich für dieses beeindruckende Fahrverhalten ist eine 48-Volt-Wankstabilisierung.

Bei der Innenraumgestaltung war – abseits des schon ausgemerzten Infotainment-Defizits – grundsätzlich wenig Handlungsbedarf gegeben, denn bei der Materialienwahl und der dazugehörigen Verarbeitung ist Bentley traditionell eine Klasse für sich. Dennoch haben sich die Briten noch einmal kräftig ins Zeug gelegt – und überraschten unter anderem mit neuen Oberflächen, darunter einer Diamanten-Riffelung. Die erstaunt ebenso wie die aufwändig genähten Lederflächen und die markanten Bronzeeinlagen.

Nicht enttäuscht wir der Freund der Musik, wenn er an die drei Sound-Systeme denkt, die ihm im Continental GT zur Verfügung stehen. Die Basis ist mit zehn Lautsprechern bewehrt, darüber rangiert eine B&O-Anlage mit 16 Lautsprechern, getoppt wird sie von einem Naim-System mit 18 Boxen.

Exklusiv, fast schon diabolisch ist der Preis für das edle Stück: ab 263.500 Euro.




Kommentieren


Schlagworte