Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 09.02.2019


Test

Alles andere als eine kleine Maus

Sportliche Ambitionen entwickelt Nissan mit dem Micra. Mit den neuen Motoren – sämtlich Benziner – reicht das Leistungsspektrum bis zu 117 PS.

Kantig(er) ist der Nissan Micra vor zwei Jahren geworden, mit der 117-PS-Option wird er sportlich.

© WerkKantig(er) ist der Nissan Micra vor zwei Jahren geworden, mit der 117-PS-Option wird er sportlich.



Von Beatrix Keckeis-Hiller

Cascais – Alleinherrscher im Kleinwagen-Portfolio von Nissan ist der Micra, seit der Note aussortiert wurde – was zeitgleich mit dem Start des japanischen City-Cars in die fünfte Generation erfolgt ist (2017). Das war vor allem optisch ein Neubeginn mit schärfer konturierter Markanz. Die damit suggerierte Sportlichkeit markierte das Ende der erst rundlich-, dann brav-putzigen Mausigkeit, mit der das in Österreich höchst erfolgreiche Sondermodell Micra „Mouse“ kaum aus den Köpfen zu kriegen war.

Damit sollte es jetzt, mit der Neuordnung der Antriebspalette, endlich ganz vorbei sein. Denn Nissan schlägt noch deutlichere Sport-Töne an.

Das basiert auf der Neuordnung des Aggregate-Programms, das in Österreich jetzt rein Benzin-orientiert ist (der 1,5-Liter-Diesel wurde bei uns vom Markt genommen). Die neuen Antriebe sind zwei Einliter-Dreizylinder, einer mit 998 ccm (aus der Renault-Nissan-Mitsubishi-Allianz), einer mit 999 ccm Hubraum (aus der Renault-Nissan-Daimler-Technikkooperation, abgeleitet vom 1330-ccm-Vierzylinder). Ersterer leistet 71 PS (IG 71). Zweiterer hat Turbo-aufgeladene 100 oder 117 PS (IG-T 100, DIG-T 117). Hundert PS gehen einher mit manueller Fünfgang-Schaltung. Oder einer Automatik. Die ist, trotz Renault-Verwandtschaft, kein Doppelkupplungs-, sondern – nach japanischer Art – ein CVT-Getriebe mit sechsfacher Schaltstufensimulation („X-Tronic“). Echte sechs Gänge, und zwar manuell zu schaltende, gibt’s in Kombination mit 117 PS. Damit tastet sich Nissan in Richtung Hot Hatch vor, samt Tieferlegung um einen Zentimeter, Härte markierendem Fahrwerk und direkter ausgelegter Lenkung. Die Marketing-Abteilung bezeichnet diesen bisher Sportlichsten aller Micras als „Warm Hatch“. Optisch bringt diesen Anspruch das Sondermodell „N-Sport“ am deutlichsten rüber, samt 17-Zoll-Alus, Carbonoptik-Details und Kontrastnähte-gezierter Alcantara-Möblierung.

Zur Sportlichkeitswertung trat bei wechselhaft atlantischem Wetter südlich von Lissabon zuerst die N-Version an. Gleich vorweg: Die Traktion ist schwer in Ordnung, auf feucht-sandigem Asphalt mussten die elektronischen Regelsysteme kaum eingreifen. Dem Motor glaubt man seine 117 PS, wenn man die Drehzahlen fleißig hochjubelt. Das Getriebe ist in den unteren Gängen sehr kurz, in den oberen Schaltstufen recht lang übersetzt. Das Lenkgefühl ist fein. Die Bremsen agieren gefühlvoll. Die Fahrwerksabstimmung muss man bei rücken- und magensensiblen Mitfahrern möglicherweise erst einmal diskutieren. Der Dreizylinder-Sound ist kaum aufdringlich. Das liebevoll eingerichtete Interieur erfreut das Auge.

Gar nicht schwächlich fühlt sich auch der 100-PS-Kandidat an. Die manuell geschaltete Version passt gut zu Stadt und Umland, die fünf Gänge reichen vollauf. Die CVT-Getriebe-Variante macht sich am besten in der City. Wird nicht zu forciert Leistung abgerufen, harmonieren Ansprechverhalten und Motorsound fein miteinander. Aber Bergauf-Passagen, Einschleusen auf die Autobahn und Überholvorgänge zeitigen – subjektiv gefühlt – doch eine gewisse, auch akustische, Angestrengtheit des Antriebsstrangs.

Als Draufgabe zu den neuen Motoren spendierte Nissan dem Micra – wie zuvor dem Qashqai – ein upgedatetes Infotainment-System samt Smartphone-Integration.

Marktstart: ab sofort, bis auf die X-Tronic-Variante (kommt Ende Februar). Der bisherige 0,9-Liter-Otto (90 PS) läuft aus. Die neuen Preise: ab 12.905 Euro für 71 PS, ab 18.553 für 117 PS, ab 20.490 für den N-Sport.




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