Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 24.04.2017


Architektur

Bauende Frauen im Vormarsch

Architektinnen machen sich mit einer Ausstellung im Landhaus II in Innsbruck sichtbar. Die zeigt, dass es keine typisch weibliche Architektur, sondern nur gute und weniger gute gibt.

© hanel/marksteinerMit minimalen Eingriffen hat Betina Hanel das Haus Mathoi in Schwaz revitalisiert.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Zahlenmäßig sind die Studentinnen an den österreichischen Architekturfakultäten in der Überzahl. In der beruflichen Praxis schaut es dagegen ganz anders aus. Doch die Zahl der Ziviltechnikerinnen steigt kontinuierlich, freut sich die Innsbrucker Architektin Elisabeth Senn, Vorsitzende des Ziviltechnikerinnen-Ausschusses der Kammer für ArchitektInnen und IngenieurkonsulentInnen für Tirol und Vorarlberg.

Gab es vor zehn Jahren in Tirol und Vorarlberg 43 selbstständige Ziviltechnikerinnen, so sind es heute immerhin 98. Was noch immer nur magere zehn Prozent der Kammermitglieder ausmacht, während es in den skandinavischen und postkommunistischen Ländern laut Senn die Hälfte sind.

Um sich in der breiten Öffentlichkeit sichtbar zu machen, ist anlässlich der siebten Ziviltechnikerinnentagung 2015 in Graz eine Ausstellung entstanden, die seither – ständig aktualisiert – durch die Bundesländer bzw. Nachbarländer tourt und derzeit in Innsbruck Station macht. Um anhand der unterschiedlichsten Projekte aufzuzeigen, was Architektinnen alles können. Und gleichzeitig klar macht, dass es keine typisch weibliche, nur gute oder weniger gute Architektur gibt.

Die Schau gibt sich kühl als Wald von Postern im schönen Atrium des neuen Landhauses. Und sie lässt bald den etwas missverständlichen Titel „ZTinnen stellen Denkmäler in ein neues Licht“ vergessen. Geht es hier doch nicht um das Aufpolieren von Denkmälern im engeren, verstaubten Sinn, sondern um das sensible Sanieren, Revitalisieren und Weiterbauen in historischen Umgebungen. Das reicht vom Ausbau des Dachbodens eines denkmalgeschützten Innsbrucker Altstadthauses aus dem 15. Jahrhundert in eine lichtdurchflutete Wohnung bis zur inneren Verwandlung der Orangerie des Unteren Belvedere in Wien in einen modernen White Cube. Es geht aber auch um die schwierige Balance zwischen Erhalten und Ersetzen, die nicht immer einfache Zusammenarbeit mit Denkmalschützern und die Forderungen nach Barrierefreiheit, die mit historischem Baubestand oft nur sehr schwer zu vereinbaren ist.

Wie das gehen kann, zeigt etwa die Tiroler Architektin Karin Kopecky mit ihren selbstbewusst heutigen Eingriffen am Hauptgebäude der Innsbrucker Universität. Mit einem über eine Rampe barrierefrei erreichbaren neuen Zugang neben dem Haupteingang sowie einem gläsernen Fluchtturm samt Lift im Innenhof des gründerzeitlichen Gebäudes.

Wie moderne Architektur eine heterogen gewachsene dörfliche Struktur stimmig weiterdenken kann, führt Daniela Kröss – gemeinsam mit Rainer Köberl – beim neuen Gemeindezentrum Fließ beispielhaft vor. Bereits drei Schichten von Architektur sind bei der Innsbrucker Handelsakademie ablesbar. Hat Ekkehard Hörmann doch in den 1970er-Jahren das im Stil der „Tiroler Gotik“ in den Nullerjahren des 20. Jahrhunderts gebaute Schulhaus mit viel Gespür und Respekt vor dem Bestehenden aufgestockt. Dem Daniela Amann mit ihrem fünfgeschoßigen Neubau nun einen klaren Kontrapunkt gegenüberstellt. Auf die Sanierung des bis ins späte Mittelalter zurückgehenden denkmalgeschützten Haus Mathoi in Schwaz haben sich die Architektinnen Betina Hanel und Marietta Marksteiner eingelassen. Um mit minimalen Eingriffen die Klarheit des einzigartigen Ensembles freizulegen und neu nutzbar zu machen.




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