Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 30.06.2017


Architektur

Streuobst für alle

„Relations“ im aut: Das norwegische Studio Snøhetta mit Innsbrucker Niederlassung steht für eine Architektur, die sich aus dem Dialog mit vielen anderen Disziplinen speist.

© Ketil JacobsenBeobachtungspavillon "Tverrfjellhytta" für wilde Rentier-Herden am Fuße der Snohetta, jenes Berges, nach dem sich das norwegische Kreativbüro benannt hat.



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Wie lässt sich Architektur jenseits der klassischen Präsentationsformen – Fotografien, Pläne, Modelle, etc. – ausstellen? Diese Frage beschäftigt aut-Chef Arno Ritter naturgemäß häufiger. Eigens für die Räume des aut entwickelte architektonische Projekte sind eine mögliche Antwort, es gab schon unterschiedlichste Eingriffe und Einbauten, etwa von Volker Giencke oder Maria Giuseppina Grasso Cannizzo.

Auch Snøhetta ließen sich nicht lange bitten – und brachten reichlich Holz in die Hütte: Durch einen Wald aus hölzernen Pfeilern gelangt man über eine Rampe in eine begehbare Landschaft, ein angesichts der unterschiedlichen Gefälle und Flächen fast schon alpin anmutendes Terrain, das sich über den gesamten Hauptraum hinweg erstreckt. Damit wird erfolgreich an der Raumwahrnehmung gerührt (während der Laufzeit der Ausstellung auch im Rahmen u. a. von Theateraufführungen bis zu Konzerten, Infos: www.aut.cc), es soll aber auch die Grundhaltung von Snøhetta sichtbar gemacht werden: Architektur ist gebaute Landschaft und damit auch gesellschaftliches und soziales Terrain.

Was das heißen kann, ließe sich etwa an einem der bekanntesten Snøhetta-Gebäude ablesen, dem Opernhaus in Oslo mit seiner öffentlich zugänglichen Dachlandschaft. Oder aber auch an einer Streuobstwiese: Diese soll – als Begegnungszone und öffentlicher Raum – auf einer Brache in Wattens entstehen, ein Ergebnis der Studie „Vision Wattens“, in der Snøhetta Ideen für die Entwicklung der ländlichen Gemeinde formuliert hatten. Ein Unterfangen, hinter dem maßgeblich auch der Kristallkonzern Swarovski stand, für dessen Kristallwelten Snøhetta Spielturm und Restaurant entworfen haben.

Steht im aut prototypisch für die prozesshafte Arbeit bei Snohetta: "A House to Die In", entwickelt mit dem norwegischen Künstler Bjarne Melgaard.
- Ketil Jacobsen

Das norwegische Architekturbüro mit Hauptsitz in Oslo und Niederlassungen u. a. in New York und San Francisco ist international tätig, zu den bekanntesten Gebäuden zählen die Bibliothek von Alexandria in Ägypten, das Osloer Opernhaus oder die Erweiterung des MoMA in San Francisco, derzeit entsteht das King-Abdulaziz-Kulturzentrum in Saudi-Arabien. Kjetil Thorsen hat Snøhetta 1989 mitbegründet – und einige Jahre lang als Professor an der Architekturfakultät der Universität Innsbruck gelehrt. Die Verbindung zu Tirol ist geblieben, auch in Innsbruck gibt es eine Niederlassung mit derzeit zwanzig Mitarbeitern, ihr heutiger Managing Director Patrick Lüth ist quasi von der Hochschulbank weg in die Welt des norwegischen Architekturbüros, von dem man gemeinhin eher als „Kreativbüro“ spricht, eingetaucht, als er vor Jahren für ein Praktikum nach Oslo ging. Den interdisziplinären Weg, den Snøhetta konsequent verfolgt, habe er dort von Anfang an miterlebt, sagt Lüth.

Würde es nicht gar so alternativmedizinisch klingen, könnte man, wie im Pressetext vorgeschlagen, von einem „ganzheitlichen“ Ansatz sprechen. So oder so landet man letztlich auch bei der Antwort auf die Frage, was Streuobst oder jene Bienenstöcke, die Snøhetta mitten in Oslo aufgestellt haben, mit Architektur zu tun haben. Geplant und gebaut wird im Kontext und im Dialog mit anderen Disziplinen, zum festen Personal gehören Landschafts- und Innenarchitekten, Designer, aber auch externe Experten, etwa aus dem Bereich der Philosophie, werden gerne eingebunden.

Das ist es auch, was im aut hervorgestrichen wird, der Titel „Relations“ weist den Weg u. a. zu einem langen Tisch, auf dem mittels verschiedenster Artefakte Kollaborationen aufgezeigt werden. Im Mittelpunkt der Schau stehen insgesamt weniger die großen, prestigeträchtigen Bauten, als eine Reihe kleinerer, im Hinblick auf den Umgang mit der umgebenden Landschaft hochspannender Projekte wie die Rentierbeobachtungsstation am Fuß des namensgebenden Berges Snøhetta in Norwegen oder eine Jagdhütte am Åkrafjord.