Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 25.10.2017


Südtirol

Fleimser Gewohnheiten in der Kunst

Ein „Commons“-Modell mit 900-jähriger Geschichte: Walter Niedermayrs Untersuchung der Talgemeinde Fleims ist auch eine über den Umgang mit (kollektivem) Raum. Derzeit im aut.

© Walter Niedermayr, Moena 2016 ?„Gebäudeberge“: Moena, die einzige ladinische Gemeinde in der Talgemeinde Fleims.



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – „A Küchele und a Zimmer“ – recht viel mehr hat es zur Gründung eines Hausstands früher einmal nicht gebraucht. Bei Bedarf hat man später eben angebaut, da noch ein Zimmer „drangepickt“, dort sich zur nachbarlichen Hausmauer hin ausgedehnt, um diese forthin gemeinsam zu nutzen. Genauso wie Durchgänge, Treppen, Vorplätze, Gärten. Die baulichen Strukturen, die so in den elf Dörfern der Talgemeinde Fleims in der Region Südtirol-Trentino gewachsen – oder vielmehr: ineinander verwachsen – sind, haben mit klassischen Vorstellungen von architektonischer Gestaltung kaum etwas zu tun. Sie sind eher Anti-Architekturen – und doch, so der Südtiroler Künstler Walter Niedermayr, von einem „profunden Wissen um den Umgang mit Raum geprägt“.

Geprägt sind sie fraglos auch von der Geschichte der Talgemeinde, für die der Grundstein im Jahre 1111 gelegt wurde: eine Art Bauernrepublik, funktionierend nach allmeindeähnlichem Prinzip, Boden, Wald und Almen als kollektives Gut nutzend, dessen Ertrag auf alle aufgeteilt wurde. Und heute noch wird. Zwar verfügt man längst nicht mehr über die unabhängige Verwaltungsstruktur samt eigener Gerichtsbarkeit, wie sie noch im „Buch der Gewohnheiten des Fleimstales“ aus dem Jahr 1613 festgeschrieben waren, aber die Grundstrukturen – die „magnifica“ als Verwaltungsinstitution, die „capofuochi“ genannten Familienoberhäupter und die „fuochi“, so genannte „Herdstellen“, auf die die Erträge aufgeteilt werden – bestehen bis heute.

So etwas ist natürlich auch angesichts der weltweiten „Commons“-Bewegung heutiger Tage, der Rückkehr zu Gütergemeinschaften und deren selbstorganisierter Verwaltung, als Ausweg aus den herrschenden Marktökonomien, hochinteressant.

Niedermayr hat sich über mehrere Jahre hinweg mit der aus neun italienischen, einer ladinischen und einer deutschsprachigen Gemeinde bestehenden Talgemeinde Fleims, ihrer 900-jährigen Geschichte, aber auch ihrer Gegenwart beschäftigt. Sein Interesse galt dabei vor allem dem „anarchischen, widerständigen“ Umgang mit Raum, den eingangs erwähnten Konglomeraten aus Zu-, An- und Weitergebautem, den fließenden Übergängen zwischen privatem, öffentlichem und halböffentlichem Raum, den „Gebäudebergen“, von denen er, auf eine Fotografie von Moena weisend, spricht. Unter fahlem Himmel richtet sich Niedermayrs fast analytischer fotografischer Blick auf (fast immer menschenleere) dörfliche Strukturen, legt dabei historische Schichten, aber auch jene Veränderungen frei, die der Tourismus mit sich bringt: „Edelkitsch“-Architekturen etwa oder Umzäunungen, wo lange keine nötig waren.

„Koexistenzen“ heißt die von Pauhof Architekten gestaltete Ausstellung im Innsbrucker aut, sie stellt die Talgemeinde Fleims als einen auch von Urbanisten untersuchten „Erinnerungsort für eine andere Zukunft“ zur Disposition, wirft Fragen über den Umgang mit dem ja vor allem in Städten immer knapper werdenden Raum, aber auch über den Gemeingut-Gedanken auf, zu dem in Fleims viele Junge immer weniger Bezug haben. In Interviews kommen Einwohner der Talgemeinde zu Wort.

Das Langzeitprojekt über das Fleimstal ist eine schlüssige, hochkonzentrierte Fortsetzung von Niedermayrs anhaltender künstlerischer Beschäftigung mit dem vom Menschen gestalteten und überformten Raum. Bekanntestes Beispiel dafür sind seine bleichen „Alpinen Landschaften“, in denen er die Strukturen u. a. der alpinen Freizeit­industrie, die sich der Landschaft mehr und mehr einschreiben, in großformatigen, oft mehrteiligen und durch Überschneidungen trügerisch erweiterten Fotografien zeigt. Aktuelle Beispiele sind derzeit in der Galerie Wid­auer zu sehen, außerdem Videoarbeiten, in denen Niedermayr der alpinen Event-Kultur auch mit einer gewissen Ironie begegnet. Etwa wenn er mit statischem Kamerablick aus der Ferne das gierige Menschengewimmel auf einem abgesperrten Stück Piste einfängt, das entsteht, wenn man das Gewinnerlos für ein Auto im Schnee vergräbt.

Lawinenverbauungen am Rüfikopf in Lech. Triptychon von Walter Niedermayr, zu sehen bei Widauer.
- Galerie Widauer