Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 15.06.2018


Bau

Bauen mit Ablaufdatum: Nagelneu, aber es bröckelt schon gewaltig

Bauwerke haben ein immer früheres Ablaufdatum, weil Bauboom und Sparzwänge Druck erzeugen. Doch es gibt auch positive Beispiele.

© Michael KristenZeitdruck passt nicht zu nachhaltigem Bauen: Die Patscherkofelbahn hatte ein halbes Jahr Zeit ...



Von Matthias Christler

Innsbruck – Die Sagrada Familia in Barcelona und die Patscherkofelbahn haben etwas gemeinsam: Beides sind Prestigebauten für Tourismus-Städte. Aber das war es auch schon mit den Gemeinsamkeiten, vor allem, wenn man die Baugeschichte betrachtet. Seit 1882 wurde und bis voraussichtlich 2026 wird an der Basilika nach den Plänen von Antoni Gaudí gearbeitet, das sind 144 Jahre. Bei der Patscherkofelbahn war es ein halbes Jahr. Einen Wassereinbruch hat es bereits gegeben, eine entgleiste Gondel ebenfalls.

Mängel sind keine Seltenheit, 2016 ergab eine Studie, dass in Tirol bei 62 Prozent der Neubauten mindestens ein Mangel auftritt; 2 Prozent mehr als noch 2008. „Projekte scheitern oder gelingen bereits in der frühesten Planungsphase“, sagt Johannes Schmidt, Architekt in Innsbruck und Sachverständiger bei Streitfällen vor Gericht. „Wenn die Gewinnmaximierung im Vordergrund steht, ist das schon einmal eine ungünstige Voraussetzung. Hoher qualitativer Anspruch ist ein völlig anderer Ansatz“, meint der Architekt, der einige Punkte, die zum Gelingen beitragen, aufzählt: ausreichend Zeit für Planung sowie Ausführung und eine realistische Kostenplanung. „Bei der Patscherkofelbahn wurden diese Punkte, freundlich gesagt, vernachlässigt.“

... die Sagrada Familia 144 Jahre.
- iStock Editorial

Bauboom und Sparzwänge sind eine schlechte Kombination. Wenn die Vergabe eines Projekts nur durch den Preis entschieden wird, dann steigt der Druck für die Baufirma. „Bauen ist aber kein Industrieprodukt“, hält Schmidt fest. „Früher hat man sich Zeit gelassen, ein Bauwerk bis zur letzten Türschnalle zu planen und gut auszuführen. Diese Zeit gibt es nicht mehr.“

Er selbst hat sein Büro im Innsbrucker Stadtteil Mühlau in einem weit mehr als 100 Jahre alten Gebäude, bei dem Holzböden und Türen zum Teil noch im Originalzustand erhalten sind. Ein Jahrhundert – bei neuen Gebäuden endet das Ablaufdatum meist früher.

Aus Deutschland berichten Experten, dass vor allem bei der öffentlichen Infrastruktur gespart werde. Andreas Gerdes vom Karlsruher Institut für Technologie zieht Brücken als Beispiel heran. Diese sollten 80 bis 100 Jahre instandsetzungsfrei sein, „doch inzwischen sind im Mittel alle 30 bis 35 Jahre Sanierungen notwendig“, rechnet er der Nachrichtenagentur dpa vor.

Einer der Ögghöfe im Kaunertal, der kürzlich renoviert wurde.
- Praxmarer

Schmidt sagt jedoch, dass es positive Beispiele gebe, wie auch heute noch nachhaltig gebaut werden könne. Heute Freitag wird das Tiroler Hospizhaus in Hall, bei dem der Innsbrucker Architekt im März 2013 mit der Projektentwicklung begann, feierlich eröffnet. Mehr als fünf Jahre hatte das Bauwerk Zeit, um fertig zu werden – man könnte sagen, um zu gedeihen. Er führt das erfolgreiche Projekt auf ein Bauherrengremium zurück, das selbst viel Erfahrung mitgebracht hat. Den Schlüssel für nachhaltiges Bauen erklärt er so: „Das gelingt, wenn der glückliche Fall eintritt, dass Bauherr, Planer und Ausführende dasselbe Ziel verfolgen, zusammenarbeiten und, wenn Konflikte auftreten, die bereits vor Ort auf der Baustelle lösen.“ Nicht hinterher bei Gericht.

Wenn man von öffentlichen Gebäuden zu privaten Einfamilienhäusern weiterdenkt, fehlt vielen Bauherren schlicht das Fachwissen, um nicht in Fallen zu landen, die man in Sendungen wie „Pfusch am Bau“ zur Genüge sieht. Abgesehen davon kommen Tirols Häuslbauer bei den Grundstückspreisen fast zwangsläufig zusätzlich in Geldnöte.

Deshalb rät Schmidt, die eigenen Ansprüche zu beschränken. Viele Häuslbauer würden zu groß dimensionieren, viele Zimmer für die Kinder einplanen, die nur einige Jahre in dem Haus bleiben. Später leben die Eltern in einem für zwei Personen viel zu großen Eigenheim. Bauen sei heute sehr technisch geworden, auch durch die komplexe Haustechnik. „Ich plädiere wieder für mehr Einfachheit. Ich vergleiche das gerne mit Essen, früher gab es bodenständige Hausmannskost, heute oft 8-Gänge-Menüs.“

Die ältesten Holzbalken im Schlafzimmer stammen aus dem 14. Jahrhundert.
- Praxmarer

Immer öfter bekommen Hausherren wieder mehr Geschmack auf Holz, einen der ursprünglichsten Baustoffe, der nur auf den ersten Blick brüchig wirkt. Doch auch bei Holz kommt es auf Geduld und Geld an. Holzbau erfordert einiges an Fachwissen, unter anderem wie das Holz geschlägert wird, damit es zu einem wertvollen und nachhaltigen Baustoff werden kann. Das erfordert Detailwissen und kostet Geld. Ansonsten muss auch bei Holz bald saniert werden.

Einige der besten Beispiele in Tirol, wie ein Holzbau die Jahre überdauert, stehen im Kaunertal. Die Ögghöfe wurden 1420 erstmals erwähnt, in einem der Gebäude konnte man einen noch intakten Holzbalken ca. auf das Jahr 1340 datieren. Den Hof mit der Nummer 221 hat Georg Praxmarer an die Gegenwart angepasst: „Ich habe das Haus in den letzten zwei Jahren in ca. 5500 Arbeitsstunden restauriert und repariert, in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt“, sagt der Bau- und Hausherr, der die Räumlichkeiten nun für Seminare anbietet.

Mit diesem weit mehr als 600 Jahre alten Gebäude, bei dem manche Bauteile noch im Original erhalten sind, kann noch nicht einmal die Sagrada Familie in Barcelona mithalten.