Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 28.01.2019


Bauhaus

100 Jahre Bauhaus: Werkstatt der kreativen Denker

Das vor 100 Jahren in Weimar gegründete Bauhaus wollte dem „Neuen Menschen“ dienen, was eine Utopie blieb. Die Welt der Gestaltung wurde durch das gesamtkunstwerkliche Denken der Bauhäusler aber revolutioniert.

Die von Walter Gropius entworfenen Meisterhäuser in Dessau waren Musterbeispiele für modernes Wohnen. Darin wohnten Bauhaus-Meister wie Gropius selbst, Paul Klee, Oskar Schlemmer und Wassily Kandinsky.

© T. FranzenDie von Walter Gropius entworfenen Meisterhäuser in Dessau waren Musterbeispiele für modernes Wohnen. Darin wohnten Bauhaus-Meister wie Gropius selbst, Paul Klee, Oskar Schlemmer und Wassily Kandinsky.



Von Edith Schlocker

Innsbruck — „das ziel des bauhauses ist eben kein stil, kein system, dogma oder kanon, kein rezept und keine mode!" — so Walter Gropius, erster Direktor der legendären, 1919 in Weimar gegründeten Kunstschule, die nur 14 Jahre bestand, um trotzdem die Welt des Gestaltens nachhaltig zu revolutionieren. Das Ziel der Bauhäusler der ersten Stunde war hochgesteckt. Wollte man doch nicht weniger, als in der Aufbruchsstimmung nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs dem „Neuen Menschen" dienen. Das Denken war ein gesamtkunstwerkliches, die unterschiedlichsten Disziplinen von Kunst und Handwerk sollten gleichwertig nebeneinanderstehen, die Produktionsprozesse einfach sein, um die Objekte möglichst erschwinglich für alle zu machen.

Ein hehrer Gedanke, der meilenweit von der Wirklichkeit der wirtschaftlich am Boden liegenden Gesellschaft entfernt war. War die Weimarer Kreativ-Kommune doch letztlich eine sehr elitäre, noch dazu in sich höchst heterogene. Weshalb es auch keinen Bauhaus-Stil im engeren Sinn gibt, sieht man davon ab, dass formale Schlichtheit und Effizienz als Corporate Identity aller Bauhäusler herhalten könnte.

- Wilfried Hoesl

Die bis 1925 dauernde Weimarer Zeit des Bauhauses war geprägt von euphorischer Aufbruchsstimmung. Zur Umsetzung von Ideen wurden Werkstätten aufgebaut, das nicht immer friedlich ausgetragene kreative Durcheinander unterschiedlichster Disziplinen zu bündeln versucht. Nach dem Umzug nach Dessau (1925—1932) wurde die nun von Hannes Meyer geleitete Kunstschule allerdings von der Wirklichkeit eingeholt. Für die Umsetzung der Ideen fehlte das Geld, Meyer gab die Devise „Volksbedarf statt Luxusbedarf" aus. Zur puren Architekturschule wurde das Bauhaus schließlich in seiner Berliner Endzeit unter Mies van der Rohe, bevor es 1933 durch Repressalien durch die Nationalsozialisten zur Selbstauflösung gezwungen wurde.

Viele der Bauhauskünstler emigrierten und trugen die Ideen der Kunstschule in alle Welt. Etwa nach Tel Aviv, wo jüdische Architekten mit mehr als 4000 Gebäuden die größte Ansammlung von Gebäuden im Bauhaus-Stil errichteten, 2003 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Andere, wie Mies van der Rohe, László Moholy-Nagy, Josef Albers und Walter Gropius, nahmen die Gedanken des Bauhauses in die USA mit.

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Durch die neue Verfassung der Weimarer Republik, die auch Frauen uneingeschränkte Lernfreiheit garantierte, drängten viele Studentinnen in das Bauhaus, was nicht nur Walter Gropius einigermaßen überraschte. Nicht nur er machte es den Bauhäuslerinnen nicht leicht. Von Gleichberechtigung war keine Rede, die Studentinnen wurden, wenn irgendwie möglich, in die Textilwerkstatt verbannt. Ganz in Oskar Schlemmers — der Erfinder des „Triadischen Balletts" (Bild) — Sinne, der meinte: „Wo Wolle ist, ist auch ein Weib."

Das Bauhaus war aber nicht nur eine einzigartige Kreativ-Werkstatt für Architekten, Künstler und Designer, es brachte auch sonderbare Blüten hervor. Etwa die zweifelhaften Lehren der Mazdaznan-Sekte, die der Maler und Reformpädagoge Johannes Itten ab 1919 im Bauhaus etablierte.

So unbestritten die Verdienste des Bauhauses für die Entwicklung von Architektur und Design heute sind, die Meinung der Zeitgenossen war gespalten. So verspottete Theodor W. Adorno die Häuser mit Flachdach als „Konservenbüchsen", für den Maler Theo van Doesburg waren die Entwürfe der Bauhäusler „expressionistische Konfitüre" und Ernst Bloch empfand diese schlicht als „geschichtslos". So kann man sich täuschen.

Bauhaus-Design (hier der "Wassily"-Stuhl von Breuer) wurde für die Massen produziert, war aber schon aufgrund des Preises elitär.
Bauhaus-Design (hier der "Wassily"-Stuhl von Breuer) wurde für die Massen produziert, war aber schon aufgrund des Preises elitär.
- Klassik Stiftung Weimar

In einer Symbiose begriffen

Der Begriff „Design" war noch gar nicht geprägt. Und doch realisierten die Bauhäusler in ihren Werkstätten Entwürfe, die noch hundert Jahre später als „modern" angesehen werden: die Textilentwürfe von Anni Albers, der „Wassily Chair" von Marcel Breuer, eine Wiege von Peter Keler, die Tischlampe von Wilhelm Wagenfeld.

Doch ging es den Bauhauskünstlern nicht vordergründig darum, eine neue Art der „Gestaltung" anzukurbeln, sie agierten vielmehr im Sinne eines Gesamtkunstwerks und postulierten damit ein neues Menschenbild in veränderten Verhältnissen lebend. Wie schon in der Architektur strebte auch das Produktdesign eine Symbiose von Funktionalität, Technik und Kunst an. Die „gute Form" sollte mit bestmöglicher Technik und bestmöglichem Material für die bestmögliche Funktionalität einstehen. Und es wurde für die Massen produziert. Ikea ist damit eigentlich nur eine logische Weiterführung der Bauhaus-Idee.

In seiner Vorstellung war das Bauhaus aber keine singuläre Bewegung, auch die sich fast gleichzeitig manifestierende englische Arts & Crafts-Bewegung um Künstler William Morris sowie Vorreiter wie die Wiener Werkstätte, ja bereits der Jugendstil, die russischen Konstruktivisten oder Impulse des „Vaters der Hochhäuser" Louis Sullivan sowie der spätere Frank Lloyd Wright trugen zum modernen Stil bei.

Im Bauhaus kulminierten diese Einflüsse in einem neuen Verständnis für die Gesellschaft. Und das sorgt bis heute dafür, dass wir Bauhaus-Design mit „modern" gleichsetzen. (bunt)

Über 500 Events feiern das Bauhaus

Ausstellungen. In „Moderne am Main": Gleich drei Museen widmen sich vom 19. Jänner bis 14. April dem Wirken des Bauhauses in Frankfurt (Museum Angewandte Kunst, Historisches Museum, Architekturmuseum). Die Jubiläumsausstellung „Original Bauhaus" der Berlinischen Galerie (6. September bis 27. Jänner 2020) sowie „Versuchsstätte Bauhaus" in der Stiftung Bauhaus Dessau widmen sich dem Thema.

Forschungsprojekte. Mit „bauhaus imaginista" untersuchte das Goethe-Institut das internationale Netzwerk des Bauhauses.

Publikationen. „Zeitlose Moderne 100 Jahre Bauhaus" (Hrsg. Bauhaus-Archiv Berlin). Taschen Verlag, 40 Euro. „My Bauhaus — Mein Bauhaus". 100 Architekten zum Geburtstag eines Mythos. (Hrsg. Sandra Hofmeister), Edition Detail, 29.90 Euro. Wohnmaschine. Eine Miniatur des Bauhausgebäudes auf Rädern bietet in Dessau und Berlin auf 15 m² Raum für kritisches Denken.