Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 15.06.2019


Architektur

Heinz Tesar: Der stille Poet in der Elite der Baukünstler

Der Tiroler Architekt Heinz Tesar hat sich lebenslang dem Zeitgeistigen verweigert: Morgen wird der eigenwillige Baukünstler 80 Jahre alt.

Der vor 80 Jahren in Wörgl geborene Heinz Tesar hat sich bereits vor einigen Jahren vom Selbst-Architekturmachen verabschiedet.

© BöhmDer vor 80 Jahren in Wörgl geborene Heinz Tesar hat sich bereits vor einigen Jahren vom Selbst-Architekturmachen verabschiedet.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – An der Architektur von Heinz Tesar scheiden sich die Geister. Ist der gebürtige Wörgler, der bei Roland Rainer an der Wiener Akademie der bildenden Künste studiert hat, doch einer, der sich lebenslang konsequent dem Zeitgeistigen verweigert hat, um wahrscheinlich gerade durch die Authentizität seiner Handschrift die Architekturgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mitzuschreiben.

Dabei sei die Architektur nicht seine erste „große Liebe“ gewesen, hat Heinz Tesar vor Jahren in einem Interview gestanden. Hätte ihn ursprünglich doch die bildende Kunst viel mehr interessiert, um über das Formulieren poetischer „Embryobilder“ und „Weichmonumente“ schließlich doch bei der Baukunst zu landen. Nach Praxisjahren in Hamburg, München und Amsterdam gründete Heinz Tesar 1973 in Wien sein eigenes Architekturbüro, dem 2000 für einige Jahre ein zweites in Berlin folgte. Vom Architekturmachen hat sich Tesar, der morgen 80 Jahre alt wird, allerdings schon vor einigen Jahren verabschiedet. Seinen Vorlass hat er dem Architekturzentrum Wien übergeben, er selbst lebt völlig zurückgezogen im Künstlerheim in Baden bei Wien.

Heinz Tesar wird oft das Etikett umgehängt, der Poet unter den Baukünstlern zu sein. Um auf diese Weise trotz seiner Stille für einige Jahre vom Wenig-Bauer zum international gefragten Stararchitekten zu werden, der sich in Wettbewerben mit Größen wie Daniel Liebeskind oder Frank Gehry matchte. Etwa als es um den prestigeträchtigen Umbau des Berliner Bode-Museums ging, das er auch selbst einrichten durfte. Eine ganz große Freude für den Denker im Gesamtkunstwerklichen.

Gerade hier konnte Tesar relativ kompromisslos zelebrieren, worum es ihm als Baukünstler geht. Um den Bezug von Körper und Raum, um „emotionale Resonanzen“, so der erklärte Liebhaber des Barocken, letztlich um Sinnlichkeit, wobei diese durchaus nicht formbezogen sein muss. Weshalb Tesars Architekturen oft das Flair des Skulpturalen verströmen, bewusst aufgeladen mit Pathos, subtil spielend mit elegant zelebrierten Manierismen.

Etwa beim Innsbrucker BTV-Stadtforum, das Heinz Tesar städtebaulich perfekt als selbstbewusst den Ort definierenden Tempel für den Kommerz angelegt hat. Doch trotz der Authentizität seiner Handschrift ist Tesar einer, der sich immer mit großer Empathie auf das jeweilige Projekt, seine Funktion bzw. seine potenziellen Nutzer eingelassen hat. Um etwa das 1999 eröffnete Museum Essl in Klosterneuburg als Hommage an Henry Moores „Große Liegende“ anzulegen, gebaut als Hülle, die sich ganz den Bedingungen der Kunst, für die sie da ist, unterordnet. Die Kirche, die er 2000 zwischen die Hochhäuser der Wiener Donau City gestellt hat, wurde in ihrer Turmlosigkeit ein total introvertierter, durch Licht und Schatten dominierter spiritueller Ort. Weitere wichtige Bauten im Werk Tesars sind u. a. der Umbau des Stadttheaters Hallein, das „Haus am Zwinger“ in Dresden, ein großes Geschäftshaus am Gendarmenmarkt in Berlin, aber auch ein Einfamilienhaus in Bregenz, das Tesar in den 1980er-Jahren für eine fünfköpfige Familie maßgeschneidert hat und bei dessen Entwicklung er unübersehbar an die barocke Wiener Peterskirche gedacht hat.

Seit den 80er-Jahren hatte Heinz Tesar immer wieder Gastprofessuren an europäischen und amerikanischen Universitäten. Er ist aber auch ein Vielgeehrter, 2011 etwa mit dem Großen Österreichischen Staatspreis, der höchsten Auszeichnung, die das offizielle Österreich an Kunstschaffende diverser Sparten zu vergeben hat.