Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 13.07.2019


Innsbruck

Vier Türme – vier Codes

Das niederländische Architekturbüro MVRDV hat in das Innsbrucker aut.architektur und tirol vier bunte Türme gebaut, die davon erzählen, wie es Architektur denkt.

Im untersten Teil des „pixel“-Turms haben MVRDV ein kleines „Wohnzimmer“ eingerichtet.

© Günter Richard WettIm untersten Teil des „pixel“-Turms haben MVRDV ein kleines „Wohnzimmer“ eingerichtet.



Von Edith Schlocker

Innsbruck – Bei der Ausstellung des Rotterdamer Architekturbüros MVRDV zeigt sich wieder einmal, was für eine geniale Idee es war, das von Lois Welzenbacher gebaute Sudhaus des ehemaligen Adambräu in eine Bühne für zeitgenössische Architektur zu verwandeln. Wo sonst wäre es möglich, einen Ausstellungsort vertikal über mehrere Geschoße durchlässig zu machen, wie es das vor 26 Jahren von Winy Maas, Jacob van Rijs und Na­th­alie de Vries gegründete und inzwischen weltweit gefragte Architekturbüro MVRDV mit Niederlassungen in Paris und Shanghai in seiner Ausstellung „architecture speaks: the language of MVRDV“ derzeit tut? Um anhand von vier Türmen zu demonstrieren, wie sie Architektur denken.

Jeder der Türme steht für eine zentrale Frage der Gestaltung, festgemacht an den Begriffen „stack“, „pixel“, „village“ und „activator“. Wobei jeder der Türme in einer anderen knalligen Farbe gestaltet ist, um für die Zukunft zentrale Fragen wie Kollektivität, Mannigfaltigkeit, Soziales und Nachhaltigkeit formal fast spielerisch, teilweise interaktiv aufzubereiten.

Der „pixel“-Turm.
Der „pixel“-Turm.
- Günter Richard Wett

Wobei bald klar wird, dass es Winy Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries, die sich seit ihrem Studium in Delft kennen und inzwischen rund 250 Mitarbeiter beschäftigen, primär nicht um die Entwicklung einer unverwechselbaren baukünstlerischen Handschrift, sondern um ein intensives Sich-Einlassen auf das jeweilige Projekt geht, um je nach örtlichem und inhaltlichem Kontext eine ganz spezielle Typologie zu entwickeln.

Wie unterschiedlich das daherkommt, ist am knallpinken „pixel“-Turm ablesbar. Gebaut aus Kartonboxen inklusive zahlreicher Vor- und Rücksprünge, wobei einzelne der Flächen mit Fotos in aller Welt realisierter Projekte bedruckt sind. Von der Vielgesichtigkeit ihrer Architektur erzählend, wobei das für alle urbanen Räume weltweit relevante Thema oft das der Verdichtung ist. Ohne lokalen Traditionen des Bauens abschwören zu müssen, wenn auch zukünftig in Sachen Architektur mehr in der Vertikalen als in der Horizontalen gedacht wird werden müssen. Wird Platz doch mehr und mehr zur Mangelware, Gebäude zu komplexen Ordnungen, gestapelt als Konvolut aus privaten und öffentlichen Räumen, Gebautem und Umbautem, das bisweilen dystopisch visionär anmutet. Wie MVRDV ticken, kommt in der Schau aber nicht nur in der Form von Plänen und realisierten Ergebnissen, sondern auch als in klare Worte gefasste „Manifeste“ daher.

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„Gebäude sollen nicht nur gut aussehen, sie müssen auch der Umwelt guttun“, sagt Nathalie de Vries. Der mit niederländischen und Tiroler Pflanzen bestückte „activator“ bringt die Dimension der Natur ins Spiel, wobei die Rolle der Niederlande als Kolonialmacht in Sachen Pflanzen genauso ironisch hinterfragt wird wie Tiroler Klischees.

Unzweifelhaft gut tun die Pflanzen dem sommerlichen Treibhaus-Klima im aut, das während der Ausstellung von MVRDV einen neuen Eingang verpasst bekommen hat. Um als Besucher über eine orange bespannte Außenstiege mitten im blauen „village“ zu landen. Wo Strukturen möglicher Wohnungen zu sehen sind, variabel je nach den Vorstellungen bzw. finanziellen Möglichkeiten der potenziellen Bewohner. Ist der soziale Ansatz doch ein zentraler im Entwickeln der Architekturen von MVRDV, das Thema von Diversität genauso wie Durchmischung. Um gleichzeitig aber auch ein sympathisches Plädoyer für Freiheit, die persönliche Aneignung des eigenen Lebensraums zu sein, für das die Architektur „nur“ die entsprechenden Strukturen liefern kann.

Der gelbe „stack“-Turm kommt rund und textil daher. Anhand von Modellen wird hier das Denken von MVRDV in Formen demonstriert. Themen sind hier aber auch die Umwelt, Fragen von Energie und Nachhaltigkeit. In der Basis ist ein Spielplatz für Selbstbauer jeden Alters eingerichtet, in jenem des pinken Turms eine kleine „Lounge“, in der man in den Büchern von MVRDV schmökern kann und ganz unten im aut gibt es schließlich noch ein Möbelobjekt zum Schauen von Videos, die vorführen, wie MVRDV ticken.