Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 08.07.2015


Bühne

Strauss mit Ach und Krach

Filmemacher Andreas Dresen und Dirigent Philippe Jordan bemühen sich um Richard Strauss’ Oper „Arabella“ bei den Münchner Opernfestspielen.

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© Hösl



Von Jörn Florian Fuchs

München – Manchmal versteht man einfach die (Opern-)Welt nicht mehr! Vor einer guten Woche gab es zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele Claude Debussys „Pelléas et Mélisande“, Regisseurin Christiane Pohle wurde fast unisono ausgebuht. Dabei fand sie einen durchaus interessanten Ansatz und deutete das Stück auf nicht ganz gelungene, aber immerhin eigenständige und intelligente Weise. Die zweite Festspielpremiere dagegen war ein szenischer Komplettreinfall und bekam prompt überwiegend höflichen Applaus.

Zugegeben, der Abend war nicht gerade provokativ. Aber dafür wenig komplex und langweilig. Filmemacher Andreas Dresen rettete sich bei seiner dritten Opernregie ins Abstrakte, er ließ sich von Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau ein Ungetüm aus Treppenteilen bauen, die sich im Verlauf der drei Akte mehrfach verändern und immer andere, aber ästhetisch keineswegs wirklich neue Spielräume schaffen. Nebenfiguren tapern auf und ab, die Protagonisten bleiben meist im sicheren Erdgeschoß und stehen dort herum. Kostümmäßig befinden wir uns vielleicht in den 1920er- oder 30er-Jahren, zur Entstehungszeit der Oper, aber das tut wenig zur Sache. Anfangs sieht man ein paar Stummfilmgesten, später etwas nervigen Klamauk, ansonsten läuft die Sache kreuzbrav und bieder ab. Schlecht ausgeleuchtet ist das Ganze auch noch. Und es gibt einen einzigen echten Regieeinfall, der leider zum Reinfall wird. Als Arabella nach zahllosen Verwirrungen endlich ihren Mandryka kriegt, da überreicht sie ihm in der Vorlage ein Glas Wasser, was einem alten Hochzeitsbrauch entsprechen soll.

In München schüttet sie ihm das Wasser ins Gesicht, worauf er das Glas nimmt und zu Boden wirft, danach gehen beide grimmig getrennte Wege. Das kommt völlig unvermittelt und bleibt somit schlichte Behauptung. Denn vorher erzählt Dresen den ganzen Sahnetortenkitsch der „Arabella“ nach dem Buche, vom verarmten Graf Waldner, der seine eine Tochter Arabella reich verheiraten will und dessen zweite Tochter Zdenka sich als junger Mann verkleidet, die daraus resultierenden Verstrickungen und so weiter.

Hüllen wir nun besser den Mantel des Schweigens über die Regie und übergehen die unglaublich schmierig choreographierte Orgie rund um eine gewisse Fiakermilli – und wenden uns der Musik zu. Im Graben sitzt das Bayerische Staatsorchester und spielt tadellos, technisch perfekt. Doch am Pult steht mit Philippe Jordan das nächste Problem des Abends. Der Schweizer Dirigent versteht die Partitur offenbar als Werkzeugkasten, aus dem man sich beliebig bedienen kann. So erklingen hübsche Details, aber es gibt kein wirkliches Konzept. Manchmal tönt alles grob und laut, dann wieder vergraben sich Jordan und die Musiker zu sehr ins Motivgestrüpp. Und auch sängerisch wird man nicht wirklich glücklich. Anja Harteros ist ja eigentlich ein Strauss-Superstar und doch wirkt ihre Arabella merkwürdig schattiert.

Das Finale des ersten Aufzugs gelingt phänomenal gut, und man nimmt ihr das Sehnen nach dem Einzigen und Richtigen ab, doch mehr und mehr wird die Stimme matter. Natürlich ist dies immer noch Meckern auf sehr hohem Niveau. Thomas J. Mayer gibt den Mandryka mit spürbarer Pressung, aber die Stimme ist trotzdem schön, nur zum Finale hin stellen sich leichte Energieprobleme ein, ein ähnliches hat Joseph Kaiser als Matteo.

Hanna-Elisabeth Müller kannten wir bisher als angenehmen, flexiblen Sopran. In Salzburg sang sie bereits 2014 eine brillante Zdenka. In München war vieles leider arg schrill. Da auch in einigen Nebenpartien diesmal nicht das gewohnte Münchner Niveau herrschte, ist man fast versucht, die sängerischen Schwächen des Abends auf das drückende, schwüle Wetter zu schieben. Was aber Dirigent und Regieteam betrifft, so wäre dringend ein Unwetter des Intendanten fällig.