Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 18.11.2015


Bühne

Geistesblitze ohne Gewissensbisse

Die Petra-Maria-Kraxner-Uraufführung „Elektra und der Bär“ am Freien Theater Innsbruck.

© Westbahntheater/Praesent„Elektra und der Bär“ mit Sascia Ronzoni in der Titelrolle läuft bis 5. Dezember.Foto: Christoph Tauber



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Die Idee, eine sich zum veritablen Kriminalfall auswachsende Chronik-Schlagzeile der Marke „Sachen gibt’s“ („Problembär führt Polizei zu halbnackter Leiche“) mit einem an Wirkmacht kaum zu überschätzenden Materialsteinbruch antiken Ursprungs („Elektra“) zu verstricken, darf getrost unter brillanter Geistesblitz verbucht werden. Und auch was die Tiroler Autorin Petra Maria Kraxner mit „Elektra und der Bär“ daraus macht, folgt einer Dramaturgie der Geistesblitze. Will heißen: Immer, wenn der Text sich in wortgewandter Lauwarmluft aufzulösen droht, holt ihn ein­e überfallsartige Eingebung ins Leben zurück. Bisweilen reicht dafür ein eigenwillig guttural verzerrter Kraftausdruck. Meistens jedenfalls.

Aber der Reihe nach: Elektra (Sascia Ronzoni), deren toter Vater, Meister Petz sei Dank, Boulevard und Polizei bewegt, wird von hyperaktiver Tob- und martialischer Rachsucht geplagt. Schließlich gibt es ein­e „Festplatte voll Beweise“, die ihre Mutter Klytaimnestr­a (Wiltrud Schreiner) samt Lover Aigisthos massiv mordverdächtig erscheinen lassen. Das kriegen – die von Gewissensbissen freie Klytaimnestra macht im Verhör eine erbärmliche Figur – auch befugtere Ermittler (Luka Oberhammer) mit, weshalb Elektra fachgerecht sediert von Dr. Orest (Helmut A. Häusler) zur Ruhe kommen kann. Letztlich endet das Drama, aller Geistesblitzhaftigkeit zum Trotz, reichlich undramatisch in einem Witz mit fragwürdiger Pointe.

Und lässt einen dementsprechend ratlos zurück. Denn obwohl gerade Ronzoni ums sprichwörtliche Überleben spielt, in bester Elektra-Manier schreien und fluchen und springen darf, zu einem Charakter wird sie genauso wenig wie Schreiners Klytaimnestra, die kleinere, aber nicht minder effektive Gesten für ihre Verzweiflung bevorzugt. Beide bleiben schwer greifbare Figuren, taumelnde Funktionsträger, deren einsatzfreudig vorgetragenes Leid seltsam kalt lässt. Wobei Alexander Kratzers eher auf atmosphärisch stark­e und fraglos eindrückliche Schauwerte ausgerichtete Inszenierung der Uraufführung von „Elektra und der Wolf“ im Freien Theater Innsbruck ihr Scherflein zur finalen Rat­losigkeit beiträgt.

Die einzelnen Szenen, sowohl jene der Haupterzählung als auch die vornehmlich explikativen Zwischenspiele des Chors, bestechen. Aber ein raumgreifendes Gesamtbild mag sich daraus kaum ergeben. Schönes Stückwerk auf der von Luis Graninger konzipierten Bühne.

Allerdings hat diese Verrätselung durchaus ihren Reiz. „Elektra und der Bär“, eine Co-Produktion von Theater praesent und Westbahntheater, bleibt in Erinnerung. Manch­e Zeile und, ja, auch die um kein „Staub im Gegenlicht“-Klischee verlegenen Bilder begleiten einen in die Nacht. Was eifrig beklatschtem Einheitsbrei­bespaßung wohl kaum gelingen dürfte. Insofern wird hier auf ziemlich hohe­m Niveau gejammert.